Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

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Im Land der Schweigenden

Fernando Aramburu: Patria (2016)

Mit den Ereignissen des 8. April 2017 – der Auslieferung der letzten Waffen der ETA an die französische Justiz – endet offiziell die Ära des baskischen Terrorismus, der zwischen 1968 und 2010 in Spanien über 800 Gewaltopfer forderte, die meisten davon im Baskenland selbst. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass dieses Finale mit einem beispiellosen literarischen Erfolg einhergeht: Fernando Aramburus Roman Patria wurde seit dem 20. September 2016 über 270.000 Mal verkauft und erscheint im spanischen Verlag Tusquets ein gutes halbes Jahr später bereits in der 16. Auflage.

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Zweckfreie Kunst?

Die Frage, ob Kunst nützlich sein kann, soll oder darf, wird in Philosophie und Literaturtheorie seit Jahrhunderten kontrovers diskutiert. Wenn Kant in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) in Bezug auf die Schönheit vom “interesselosen Wohlgefallen” spricht, meint er damit, dass Kunst nicht zweckgebunden sein, nicht funktionalisiert werden darf. Aber ist das wirklich so einfach?

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Brüche

Wie viele zwischenmenschliche Beziehungen – zu Freunden, Verwandten, aber auch Partnern – gehen im Laufe eines Lebens verloren? Lose Kontakte verflüchtigen sich  oft stillschweigend, heute vermutlich weniger bedingt durch trennende Entfernungen, als durch chronischen Mangel an Zeit oder an dem was tiefer verbinden könnte. Daneben gibt es aber auch die einschneidenden Erfahrungen, den Bruch, der einer oft langjährigen Beziehung ein jähes und schmerzliches Ende bereiten kann.

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Sportliche Nostalgien

Sport ist heute ein technologisch hochgerüstetes und konsumierbar gewordenes Massenphänomen. Umso mehr lässt sich aber auch wieder ein Trend zurück zum Einfachen feststellen: Calisthenics hat zum Beispiel die Parkbank und die Teppichstange als Sportgeräte für sich entdeckt und im Crossfit werden Sandsäcke, Strohballen und Traktorreifen gewuchtet, gestemmt und geschleift. Diese reduzierten Mittel leisten oft mehr als teure Fitnessmaschinen. Dazu kommt der Reiz des Ursprünglichen, die Nähe zur Natur und das besondere Gefühl der Freiheit, mit dem zu trainieren was eben zur Hand ist.

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Der Eindringling

Vicente Blasco Ibañez: El intruso (1904)

Wenn man Ibon Zubiaur glaubt, der einen spannenden Essay über das Baskenland geschrieben hat, dann entstammt der große Roman Bilbaos der Feder nicht etwa eines Basken sondern eines Valencianers: Am Beispiel des Industrie-Magnaten Pedro Sanchez Morueta und seiner Familie portraitiert Vicente Blasco Ibañez in seinem 1904 veröffentlichten Roman El Intruso („Der Eindringling“) lebendig den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der industriellen Unternehmerelite Bilbaos im ausgehenden 19. Jahrhundert.

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Wie man Baske wird

Ibon Zubiaur: Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation (2015)

Wir sind seit vielen Jahren hier. Seit dem Mesolithikum, seit siebentausend Jahren besteht das baskische Volk; ebenfalls seit vielen Tausend Jahren spricht dieses Volk euskera, die älteste Sprache Europas.

Juan José Ibarretxe raunte diesen Satz bedeutungsschwanger im Jahr 2009, damals noch Ministerpräsident der Autonomen Region Baskenland. Ich frage mich, ob ich unter diesen Umständen überhaupt Baskin „werden“ könnte und was ich wohl tun müsste, um mich selbst als solche zu „erfinden“.

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Lustvolle Beliebigkeit vor der Apokalypse

1913: Bilder vor der Apokalypse, Ausstellung im Franz Marc Museum, Kochel am See, vom 13.10.2013 – 19.01.2014.

In ihrer Konzeption ist die Ausstellung in Kochel angelehnt an Florian Illies Bestseller 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (S. Fischer), in dem in lose-anekdotischer Folge Monat für Monat zentrale Ereignisse aus Politik, Gesellschaft und Geschichte, aber auch eines blühenden literarisch-künstlerischen Schaffens im Jahr vor Ausbruch des ersten Weltkriegs aneinandergereiht werden.

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Dem Zauberer aufs Dach gestiegen

2006 wurde das neue Thomas-Mann-Haus im Münchner Herzogpark eingeweiht. Ein Nachruf.

„Wir haben einen Blick auf die Poschi geworfen, wo viele Schutthaufen, viel Material herumliegt, wegen starker innerlicher Veränderung“, schrieb Hedwig Pringsheim 1937 an ihre Tochter Katja, die mit ihrer Familie nach einer überstürzten Flucht vor den Nationalsozialisten schon seit vier Jahren im Schweizer Exil lebte. Und nicht nur Katia tat sich zeit ihres Lebens schwer mit dieser „Münchner Barbarei“ – mit Enteignung und Ausbürgerung durch ein Regime, das ihrem Mann das kritische Denken verbieten wollte und den Glanz der jüdischstämmigen Familie Pringsheim, einem der gesellschaftlichen Zentren im München der ersten Jahrhunderthälfte, vernichtete.

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Arantxa sagte ihm, er solle es sich nicht zu Herzen nehmen und ermutigte ihn, sein kreatives Talent künftig verstärkt in Kinderbücher zu investieren. Solange du für Kinder schreibst, werden sie dich in Ruhe lassen, aber pass auf, mein Lieber, und misch dich bloß nicht in lokale Angelegenheiten ein. Wenn du unbedingt für Erwachsene schreiben musst, dann lass deine Geschichten fern vom Baskenland spielen. In Afrika oder Amerika, so wie andere das tun. (meine Übers.)

Gut gelaunt und einhellig stießen sie auf die Forderungen der Alternative KAS an. Joxe Mari stieß weder an noch bekam er es mit, denn er plauderte gerade mit einem Burschen aus seiner Firma, der neben ihm stand. Sie fragten ihn nach seiner Meinung.
"Ihr wisst doch, dass ich von Politik nichts halte. Mir ist egal ob der eine oder der andere am Ruder ist. Ich setz‘ mich für ein freies Baskenland ein. Alles andere könnt ihr euch an den Hut stecken. Und er hat’s ja schon gesagt – er zeigte auf  Jokin –: wir gehen von A nach B und wenn wir bei B ankommen, will ich meine Ruhe haben. Dann hock‘ ich mich auf einen Berg und pflanz‘ Äpfel, leg‘ einen Hühnerstall an und ihr könnt mich alle am Arsch lecken. (meine Übers.)

Und weil Joxe Maris Bett am Fenster stand, war nicht genug Platz für seine Plakate und für all den Sport- und Patriotenkram, mit dem er das gemeinsame Zimmer gern schmückte, so dass er hier mit einem Poster, dort mit einem Bild allmählich Gorkas Bereich einnahm, dessen Tisch somit genau unter einem Plakat mit Beil und Schlange und dem Motto Bietan jarrai zu stehen kam. Gorkas einziges Poster war eine großformatige Reproduktion des berühmten Fotos von Antonio Machado im Cafe de las Salesas.

„Wer zum Teufel ist das?“

„Komm, das weißt du doch genau."

„Nein echt. Tarzans Opa?

„Ein Dichter“

Joxe Maris Laune war wie immer. Es war genau die Antwort, auf die er wartete, um seine eigene Version zum Besten zu geben:

Oh Dichter, welch schöne Leier / Runter mit der Hose / Und kraul mir die Eier.

Als Gorka dann weg war, zeichnete Joxe Mari dem Antonio Machado auf dem Bild mit Filzstift einen Schnauzer und eine tiefschwarze Brille und setzte neben seinen Mund eine Comic-Sprechblase in der „Gora ETA“ stand. Und spöttisch versicherte er, dass der Alte mit dem Hut schon wüsste, was man sagt.

Resigniert, fast apathisch, ließ Gorka sich demütigen. Zum Mißfallen Arantxas, die ihn aus diesem Grund oft tadelte:

"Und warum wehrst du dich nicht? Warum gibst du ihm nicht raus?"

"Besser, er wird nicht wütend."

"Hast du Angst vor ihm?"

"Ein bisschen."

(meine Übers.)

Seine Grübeleien waren Frucht eines Bewusstseins, in dem Grundsätze, Argumente und all dieser verbal/ sentimentale Schrott allmählich aufgehört hatten widerzuhallen, all das, womit er lange Jahre hindurch seine innere Wahrheit verdunkelt hatte. Und worin bestand diese Wahrheit? Na worin schon? Er hatte verletzt und er hatte getötet. Wozu? Die Antwort erfüllte ihn mit Bitterkeit: für nichts. (meine Übers.)