Die Frage „gedrucktes Buch oder E-Book?“ ist eine Glaubensfrage, die leidenschaftliche Leserinnen und Leser zehn Jahre nach dem Durchbruch des E-Readers immer noch ähnlich stark bewegt wie die Frage „bio oder industriell?“ den bewussten Konsumenten. Die Romantiker unter ihnen zelebrieren Haptik und Optik des klassischen Buches. Die Technikaffinen setzen auf Komfort, Barrierefreiheit und elektronischen Minimalismus beim Lesen, jedenfalls solange der Akku reicht.

2012 habe ich mir meinen ersten E-Book-Reader zugelegt, fünf Jahre später den zweiten. Noch immer lese ich sowohl gedruckte Bücher als auch elektronische, denn gerade für fremdsprachiges Lesen bieten letztere Vorzüge, die ich nicht mehr missen möchte. Allerdings geht es mir hier nicht um die Vor- oder Nachteile der beiden Medien, sondern um eine ganz andere Frage: Spielt es eine Rolle, ob man den Inhalt eines Buches in gedruckter Form oder in Gestalt der Pixelkompositionen von liquid crystals oder E-Ink zu sich nimmt?

In seinem geistreichen Buch Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen (Kunstmann, 2016) begegnet der Übersetzer und Literaturkritiker Tim Parks dieser Frage mit professionellem Idealismus:

Indem [das E-Book] sämtliche Spielarten der Erscheinung und des Gewichts des physischen Objekts, das wir in der Hand halten, eliminiert und alles entfernt, was nicht Konzentration auf die eine Stelle ist, an der wir uns in der Abfolge der Wörter gerade befinden (sobald eine Seite gelesen ist, verschwindet sie und die nächste Seite muss erst noch erscheinen), müsste uns das E-Book eigentlich näher zum Kern der literarischen Erfahrung heranführen als das Buch aus Papier. Ganz sicher ermöglicht es uns einen nüchterneren und direkteren Umgang mit den Wörtern, die vor uns auftauchen und wieder verschwinden, als das herkömmliche gedruckte Buch, es verschafft uns nicht die fetischistische Befriedigung, unsere Wände mit berühmten Namen zu pflastern. Als habe man uns von allem Überflüssigen und Ablenkenden im Umfeld des Textes befreit, damit wir uns auf den Genuss der eigentlichen Wörter konzentrieren können. So gesehen ist der Übergang vom Papierbuch zum E-Book dem Augenblick nicht unähnlich, an dem wir von illustrierten Kinderbüchern zur Erwachsenenversion der Buchseite wechselten, die nur noch aus Text besteht. Es ist ein Medium für Erwachsene.

Es sind treffende Beobachtungen, die Parks da macht. Er unterschlägt allerdings gänzlich die kindliche Erfahrung des Vorgelesen-Bekommens mit all den Phantasien, die es weckt, denn auch sie ist rein textgebunden. Umgekehrt erscheint bei Parks erwachsenes Lesen nüchterner als es tatsächlich ist, denn es läuft ja – unabhängig vom Medium – gleichfalls nie bilderlos ab. Mir jedenfalls kommt es so vor als erzeugte die sich mit jeder Seite neu zu einem Text formierende E-Ink beim Lesen genauso lebendige und nachhaltige Vorstellungen von Personen, Orten und Stimmungen wie die vertrauten Buchstabenformationen aus Druckerschwärze auf Papier. Es sind unsere eigenen Bilder, die uns im Gedächtnis bleiben und sich zur Essenz unserer Lektüreerfahrung verdichten. Fadenheftung, Leinen und Cover sind die goldene Schleife, die man draufsetzen darf, auf die man aber genauso gut verzichten kann.

Keine Angst also vor dem E-Book. Es ist ein Medium für Erwachsene, die dennoch ein bisschen Kind bleiben dürfen.

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