Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

Schlagwort: Frankreich

Nur unsere Gedanken sind voll in unserer Macht

Agnès Humbert: Notre guerre. Journal de Résistance 1940-1945

Wenn in Deutschland vom antifaschistischen Widerstand der französischen Résistance während des zweiten Weltkriegs die Rede ist, dann verbinden wir damit vor allem den Namen eines Mannes, dessen grandiose posthume Inszenierung sich ins historische Gedächtnis nicht nur Frankreichs eingebrannt hat: 1964 wurde Jean Moulins Asche mit großer Geste ins Pantheon, den heiligen Schrein der nationalen französischen Erinnerungskultur überführt. Charles de Gaulle, der Moulin 1941 von London aus mit der Mission betraut hatte, die zersplitterten Widerstandsgruppen auf dem Festland zu einen, war zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre Präsident und Kulturminister André Malraux hielt jene Rede, die in düsteren Farben den Mythos des edlen Résistancehelden stellvertretend für alle begründen sollte, die im nationalen Widerstand ihr Leben gelassen hatten:

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„Die Wahrheit über die Résistance“

Der amerikanische Historiker Robert Paxton ist einer der großen Kenner der französischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Er hat sich intensiv vor allem mit der französischen Kollaboration in den Jahren 1940-1945 auseinandergesetzt. Mit La France sous Vichy, der Übersetzung von Vichy France: Old Guard and New Order, leitete Paxton 1973 eine wahre Revolution in der französischen Geschichtsforschung ein, indem er die damals gesellschaftlich weithin akzeptierte Erzählung widerlegte, die Vichy-Regierung habe unter Marschall Pétain ein “doppeltes Spiel” gespielt, um größeren Schaden vom Volk abzuwenden, heimlich mit den Briten und Amerikanern kooperiert und insgeheim die Résistance gefördert, so gut es hinter dem Rücken der deutschen Besatzer eben ging. Paxton erbrachte dagegen den Nachweis, dass Vichy die deutschen Anordnungen oft sogar vorauseilend erfüllte, sich mit dem engagiert betriebenen Projekt einer neuen konservativen Gesellschaftsordnung dem Naziregime bewusst gleichschaltete und nicht zuletzt auch eine aktive Rolle bei der Deportation von Juden spielte. Paxtons Thesen waren in Frankreich Gegenstand heftiger Kontroversen, da sie an die Fundamente des nationalen Selbstverständnisses rührten und alte Wunden wieder aufrissen. Und doch leistete er mit seinem Buch einen wichtigen, wenn auch unbequemen Beitrag zur Auseinandersetzung Frankreichs mit seinen années noires. Mittlerweile gilt La France sous Vichy  auch dort als Klassiker der Geschichtsschreibung. Und inzwischen hat auch längst schon eine neue Generation von Historikern das Thema inner- wie außerhalb Frankreichs aufgegriffen und weiter vertieft.

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Hermann Kesten: Zwei Bergungsversuche (II)

Hermann Kesten: Die fremden Götter (1949/2018)

Was ist das für eine Welt in Kestens Werk, zu der Volker Weidermann heute keinen Zugang mehr findet? Den Vertretern der Neuen Sachlichkeit, denen sein Schaffen während der Zeit der Weimarer Republik gerne zugeordnet wird, ging es vor allem darum, eine Gegenreaktion zum Pathos des Expressionismus zu formulieren, der als künstlerischer Träger der Kriegsbegeisterung vor 1914 mitverantwortlich gesehen wurde für das Desaster des ersten Weltkriegs. Es ging ihnen um eine illusionslos-nüchterne Darstellung der Wirklichkeit, vor allem der der kleinen Leute, wovon sie sich auch politische Wirksamkeit erhofften. Selbst für Kestens Frühwerk erscheint seinem Biographen Albert Debrunner diese Zuordnung allerdings nicht ganz so eindeutig und in seiner Lyrik stößt er durchaus noch auf Restbestände aus Romantik und Expressionismus. Was Kestens Romane und Erzählungen mit der letztlich gar nicht so „sachlichen“ Kunst seiner Zeit verbindet, ist uns auch aus Gemälden von George Grosz oder Otto Dix vertraut:

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Hermann Kesten: Zwei Bergungsversuche (I)

Albert Debrunner: „Zu Hause im 20. Jahrhundert“ Hermann Kesten (2017)

Wenn es nach Volker Weidermann ginge, bräuchten wir uns mit Hermann Kesten gar nicht erst zu befassen. In seinem 2008 veröffentlichten Buch der verbrannten Bücher, einer vollständigen Übersicht über die 131 Autoren, deren Werke im Mai 1933 den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zum Opfer gefallenen waren, schreibt er:

Seine Romane – und er hat insgesamt vierzehn geschrieben – taugen nicht viel. Wenn wir von Hermann Kesten nur die Romane, die Bühnenstücke, die Biographien, die Gedichte und die Novellen hätten – wir hätten ihn lange schon vergessen. Es waren Bücher für ihre Zeit, heute liest man darin wie in einer fremden Welt.

Nun war ja Weidermanns Anliegen eigentlich, die Autoren, für die diese Verbrennung fast ein Vergessen für immer bedeutet hätte, wieder in Erinnerung zu rufen. Man fragt sich also, warum er manche unter ihnen genauso schnell wieder abschießt, wie er sie dem Vergessen entreißt, und das auf noch nicht einmal zwei Seiten. Bei allem Respekt vor Weidermanns Anliegen und ganz unabhängig von der tatsächlichen Qualität der indizierten Autoren: Eine Beschränkung aufs Biografische hätte seinem Buch sicher gut getan.

Auch der Schweizer Nimbus-Verlag hat sich im Bereich der Belletristik der Wiederentdeckung vergessener oder verkannter Künstler verschrieben. In seiner Reihe „unbegrenzt haltbar“ unternimmt er jetzt mit der Neuauflage des Romans Die fremden Götter (1949) (Teil II dieses Beitrags) einen bemerkenswerten Hermann-Kesten-Bergungsversuch und knüpft damit an Albert M. Debrunners lesenswerte erste Kesten-Biografie Zu Hause im 20. Jahrhundert vom April 2017 an.

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Flaschenpost aus 1942

Irène Némirovsky : Suite française (2004)

Selten dürfte es in der Literaturgeschichte vorgekommen sein, dass eine Schriftstellerin gleich zweimal über Nacht berühmt wurde: in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts und siebzig Jahre später noch einmal posthum: 2004 taucht Irène Némirovskys unveröffentlichtes Romanfragment Suite française von 1942 auf wie Flaschenpost aus einer anderen Zeit und konfrontiert Frankreich mit einem der dunkelsten Kapitel seiner eigenen Vergangenheit.

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Frankreich gegen Frankreich

Wolfgang Matz: Frankreich gegen Frankreich. Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie (2017)

Als sich Anfang 2013 die Sympathisanten der „Ehe für alle“ auf den Straßen von Paris mit den mobilisierten Massen der konservativen „Demo für alle“ konfrontiert sahen und diese Begegnungen sogar in Handgreiflichkeiten ausarteten, wurde wieder einmal sichtbar, wie tief die ideologischen Gräben sind, die die französische Gesellschaft spalten: Hier der Geist der Freiheit in der Tradition von 1789, dort die alteingesessene nationale, katholische Rechte. Es war ein fernes, aber nicht minder spürbares Nachbeben dessen, was in der französischen Revolution bereits Ende des 18. Jahrhunderts zum Ausbruch gekommen war und das Land bis heute prägt.

Warum es in den letzten 200 Jahren nahezu unmöglich war, diese beiden Pole zu versöhnen, erklärt Wolfgang Matz in seinem hervorragenden Essay. Vom ausgehenden 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, also über zwei Weltkriege und deren Vorläufe hinweg, spürt er dem gesellschaftlichen Klima in Frankreich im Spiegel seiner intellektuellen Debatten nach. Dabei setzt er sich mit Texten und teils auch mit Schriftstellern auseinander, die in Deutschland nur wenig bekannt sind.

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“Drôle de guerre”

Der folgende Beitrag ist Teil der auf Bouvard & Pécuchet neu eingerichteten Rubrik “Grabungsfelder“, in der ich mehrere Lektüren in einen breiteren thematischen Zusammenhang  stelle.

Die „Drôle de guerre“ und ihre Folgen

Frankreich zwischen Anpassung und Widerstand (1939-45)

Es ist nicht selbstverständlich, dass der deutsch-französische Freundschaftsvertrag schon seit 1963 Bestand hat, sondern Ergebnis des erklärten Willens beider Länder, nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen zu einem gedeihlichen nachbarschaftlichen Verhältnis zu finden, das vorausblicken lässt. Heute hofft man auf die beiden Länder im Zentrum Europas als Motor des Einigungsprozesses. Gerade auch politisch scheint angesichts der aktuellen, oft länderübergreifenden Krisen eine stabile Mitte unverzichtbar: steigende Arbeitslosigkeit, Flüchtlinge, Terror und vielerorts ein gefährlicher gesellschaftlicher Rechtsruck sind akute Probleme, die gemeinsam gelöst werden wollen.

Appelle an nachbarschaftliches Einvernehmen erscheinen umso zwingender, wenn man zurückblickt auf die gemeinsame Geschichte: Zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert überstürzten sich die Konflikte zwischen Deutschland und Frankreich: In nicht weniger als sechs Kriegen fanden mehrere Millionen Angehörige beider Nationen den Tod. Der letzte dieser Kriege kam nicht überraschend und doch wurde er von französischer Seite unterschätzt. Das was als “drôle de guerre” (“komischer Krieg”) zunächst scheinbar harmlos begann, wuchs sich zu einem neuerlichen Weltkrieg aus. Und vielleicht ist es eine böse Ironie der Geschichte, dass führende gesellschaftliche Kreise Frankreichs, des Ursprungslands der Menschen- und Bürgerrechte, sich im Verlauf dieses Krieges von den Interessen Hitlers und der Nationalsozialisten nicht ganz unfreiwillig vereinnahmen ließen.

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Frankreich reloaded

Nils Minkmar: Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land (2017)

Gerade rechtzeitig zur Buchmesse scheint sich Frankreich – diesmal Ehrengast – wieder ein wenig erholt zu haben. Nach schwierigen Jahren für die französische Wirtschaft mit steigenden Arbeitslosenzahlen, islamistischem Terror, einem bedrohlichen gesellschaftlichen Rechtsruck und unverkennbaren Dekadenzsymptomen der politischen Klasse hofft nun auch Nils Minkmar – Kulturjournalist mit deutsch-französischem Pass – auf Besserung und freut sich im Epilog seines neuen Buches über den mit Emmanuel Macron aufkommenden Rückenwind für Europa.

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Schreiben zwischen den Geschlechtern

Anne Garréta: Sphinx (1986)

Können wir Intersubjektivität jenseits der Kategorien von männlich und weiblich denken? Ist es möglich, jenseits des binären Geschlechterverständnisses, das unser Leben bis in seine leisesten Manifestationen hinein dominiert, zu lieben und zu schreiben? Anne Garréta war nicht nur ihrer Zeit sondern auch unserer Gegenwart weit voraus, als sie diesen Versuch 1986 mit ihrem ersten Roman Sphinx wagte.

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