Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

Schlagwort: Bayern

Spiegel der Seele

Annette Kolb: „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“. Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller (2019)

Als „Spiegel der Seele“ wurde der Brief in der Antike bezeichnet. Und selbst im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit von Bild und Ton scheint der gute alte, wenn auch völlig aus der Zeit gefallene Brief immer noch ein Medium zu sein, das uns Menschen in einer Weise nahebringen kann, die an Authentizität kaum zu überbieten ist. Dies ist mir bislang noch nie so bewusst geworden wie bei der Lektüre von Annette Kolbs Briefen an Schriftstellerinnen und Schriftsteller.  Nirgends dürfte man dieser – heute nicht mehr allzu bekannten – Zeitgenössin und Freundin der Manns und Hermann Hesses, René Schickeles, Kurt Tucholskys, Carl Zuckmayers u.v.a. so nahe kommen wie in ihren Briefen, vermutlich nicht einmal in ihrem literarischen Werk selbst. Neben ihren bekanntesten Romanen,  Das Exemplar, Daphne Herbst und dem autobiographisch geprägten Die Schaukel, in dem sie rückblickend die Münchner Gesellschaft der Belle Epoque portraitiert, schrieb sie viele Feuilletonartikel zu musikalischen Themen und zur deutsch-französischen Verständigung.  

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Literatur, die zu Hause bleibt

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

„‘Wenn ein Buch wirklich gut ist, dann erreicht es jeden, überall auf der Welt‘, erklärt mir eine der Leiterinnen des Edinburgh Book Festival. ‚Es ist interessant‘, sage ich zu ihr, ‚dass dieser Glaube an den universellen Reiz guter Literatur so wunderbar mit den Bedürfnissen der Wirtschaft harmoniert. Je besser ein Buch ist, je mehr es über seinen lokalen Kontext hinausgeht, desto mehr Leute werden es weltweit kaufen.‘ Der universalistische Ansatz verlangt, dass wir ein leicht kommunizierbares, allgemeines Element herauspicken oder entdecken – ungleiche Machtverhältnisse, existenzielle Ängste oder einen Schlüsselgedanken, der alle Menschen betrifft –, und sagt uns, dass dieses Element das Wesentliche an einem Kunstwerk ist, und nicht die Art und Weise, wie das Werk sich mit seiner Ursprungskultur beschäftigt. Aber was ist, wenn die Qualität einiger guter Kunstwerke gerade in ihrer Beziehung zum Lokalen und Zeitgenössischen liegt, zu dem Leben, das ihnen mitgegeben wurde, um hier und jetzt erfahren zu werden?“

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