Bouvard & Pécuchet

… sind die Protagonisten eines 1881 postum veröffentlichten und unvollendet gebliebenen Romans von Gustave Flaubert. Die beiden Kopisten – innige Freunde und exzentrische Biedermänner – sind die Tristesse ihres beschränkten Pariser Büroalltags leid und fühlen sich zu Höherem berufen. Ein komfortables Erbe kommt ihnen gerade recht und so beschließen sie, sich als Privatiers in die ländliche Normandie zurückzuziehen, um dort ihren Interessen zu frönen.

Es beginnt eine enzyklopädische Reise, die die beiden durch nahezu alle zeitgenössischen Wissensbereiche und entsprechend ambitionierte Lesevorhaben führt, von Landwirtschaft und Gartenbau über die Naturwissenschaften, Medizin, Archäologie und Geschichte, über Literatur, Politik, Liebe, Gymnastik und Philosophie bis hin zu Religion und Pädagogik. Mit fachmännischer Akribie und großem persönlichem Einsatz gehen sie all ihre Projekte an – und scheitern immer wieder grandios! Die Kohlköpfe geraten monströs und sind ungenießbar und der Weizen geht in Flammen auf. Auf therapeutischem Feld gelingt es ihnen immerhin, die hauseigene Kuh von ihren Flatulenzen zu befreien. Ihre Antiquitätensammlung verstopft nur die beiden Schlafzimmer und ihre Passion für Archäologie versandet bald im Ärger über verschwundene Bauwerke, über die man absolut nichts weiß.

Bouvard & Pécuchet sind kleinbürgerliche Dilettanten, die in ihrem beständigen Scheitern zu komischen Helden werden. Als Leserin ertappt man sich schadenfroh ob der endlosen Serie an Missgeschicken und gewinnt die beiden zugleich lieb, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie die blasierten Wissenschaften selbst kräftig aufmischen. Wären sie unsere Zeitgenossen, würden sie selbstverständlich bloggen.

Archäologien des Lesens

Was hat Lesen mit Archäologie zu tun? Aktives Lesen sicher einiges, wie ich finde: Archäologinnen legen Verschüttetes frei, dokumentieren, archivieren und zeigen Bezüge auf, die uns helfen können, durch die Vergangenheit hindurch unsere Gegenwart und dadurch vielleicht auch uns selbst ein wenig besser zu verstehen.

Das vorliegende Blog sehe ich für mich als Grabungs- und Arbeitsfeld. Zum einen geht es darum, Lektüren nicht mehr einfach nur zu konsumieren, sondern Lektüreeindrücke festzuhalten und mich mit Gelesenem schreibend auseinanderzusetzen. Zum anderen würde ich mir wünschen, dass die Beziehungen zwischen meinen Lektüren stärker zum Tragen kommen. Ein Buch ist ja meist umso spannender, je mehr wir schon über ein Thema wissen oder je besser wir die Autorinnen kennen, wenn sich Bezüge zu schon Erlesenem auftun, Figuren uns wieder begegnen oder Kreise sich schließen. Wo ist der rote Faden, der mich vom einen zum nächsten Buch geführt hat? Was hat eine Lektüre, die schon zehn Jahre zurück liegt, mit meinen momentanen Leseinteressen zu tun? Wo stehe ich aktuell in Bezug auf ein bestimmtes Thema?

Meine Schwerpunkte liegen im Bereich der Romania, vor allem spanisch- und französischsprachiger Literatur, sowie der klassischen Antike. Da ich Texte meistens im Original lese, werden hier auch Bücher besprochen, die (noch) nicht in deutscher Übersetzung vorliegen. Die Übertragungen der Originalzitate sind deshalb in vielen Fällen meine eigenen. Da ich das Übersetzen nicht professionell betreibe, mag es hier am letzten Schliff fehlen. Mein Anliegen ist es, einen Eindruck vom Text zu vermitteln. Über einen Austausch mit anderen interessierten Leserinnen und Lesern freue ich mich.

Historisches

Die älteste Schicht der Archäologien des Lesens ist das Projekt BlogEdition, in dem meine Frau und ich über knapp drei Jahre – zwischen Juli 2011 und Januar 2014 –  in loser Folge Beiträge zu aktuellen Themen aus „Gesellschaft, Politik, Kultur, Gedöns“ (so der ursprüngliche Untertitel) veröffentlicht haben. Beim Lesen dieser ‚alten‘ Texte musste ich rückblickend feststellen, dass die konkreten Schreibanlässe zwar durchweg aktuell waren, die Inhalte selbst aber zeitlos geblieben sind und dass die Artikel auch damals teils schon ein literarisches Fundament hatten, z.B.  Florian Illies 1913. Der Sommer des Jahrhunderts als Basis für eine Ausstellungskritik vom Januar 2014, die Person Thomas Manns als Opfer des Privatisierungswahns im modernen Immobiliengeschäft oder Jonathan Franzens Anleitung zum Alleinsein in Verbindung mit einer Diskussion des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit. Deshalb bleiben diese Texte als älteste Schicht des Blogs erhalten und werden Teil des Beziehungsgeflechts der Archäologien des Lesens.

Und sollte das Projekt „Bouvard & Pécuchet“ eines Tages im Sande verlaufen, kann ich zumindest sagen, dass sein komisches Scheitern immer schon mit einkalkuliert war.