Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

Schlagwort: Industrialisierung

Werkzeugkasten aus Cuernavaca

Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik (1975)

Die Konditionierung des Menschen in der Megamaschine ist wirksam genug, den Sklavenhalter in Menschengestalt überflüssig zu machen.

I.

Als „Mahner von Cuernavaca“ hat Marion Dönhoff ihn bezeichnet und „Prophet“ nennt ihn sein Biograph Todd Hartch sogar, wobei nicht ganz klar ist, ob er damit eher auf die visionäre Gabe der biblischen Propheten anspielt oder auf deren Zorn über die Unzulänglichkeiten der Gegenwart und die Sprachgewalt, mit der sie diese anklagen. Vermutlich trifft auf Ivan Illich beides zu. Gerade die religiöse Konnotation mag auf ersten Blick verwundern, denn Illichs Hauptwerk aus den 70er Jahren ist eine radikal säkulare Kritik der gesellschaftlichen Institutionen und ihrer Verfallenheit an den Mythos vom Fortschritt, hervorgegangen aus einer Fülle von Gesprächen, die Illich in seinem Centro intercultural de documentación in Cuernavaca nahe bei Mexiko Stadt mit den kritischsten Köpfen seiner Zeit geführt hatte. Illich schreckt hier vor keiner Autorität zurück im Ringen um menschliche Selbstbestimmung. Werke wie Die Entschulung der Gesellschaft, Energie und Gerechtigkeit oder Die Nemesis der Medizin haben ihn zu einem der interessantesten Wegbereiter der aktuellen wachstumskritischen Bewegungen gemacht. Mit Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik (1975), hat er denjenigen, deren Anliegen es ist, Gesellschaft anders zu denken, ein Werkzeug hinterlassen.

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Trügerisches Idyll

August Strindberg: Das rote Zimmer (1879)

Nämdö ist eine mittelgroße Insel am westlichen Rand der schwedischen Schärengärten, etwa 50 km von Stockholm entfernt. Mit dem Postschiff der Waxholmsbolaget dauert die Anreise vom Festland aus etwa zwei Stunden. Dafür wird der Reisende dann auch belohnt, denn er findet dort alles was er sucht: Üppige Natur, ein paar einsam verstreute, rot getünchte Holzhäuschen, ein staatliches Spirituosengeschäft („Systembolaget“) und seine Ruhe.

Als wir im Sommer dort waren, hatte ich freilich nicht damit gerechnet, dass dieses gottverlassene Fleckchen Erde längst schon literarisch verewigt ist, und zwar in einem schwedischen Klassiker, den ich mir als Reiselektüre eingepackt hatte: August Strindbergs Röda Rummet (Das rote Zimmer, 1879). In einem der letzten Kapitel dieses Romans wird das unscheinbare Nämdö zur Projektionsfläche für Strindbergs frühe Kritik an einem industriellen Spekulantentum, das noch nicht einmal vor der unschuldigsten aller Sommerfrischen zurückschreckt.

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Der Eindringling

Vicente Blasco Ibañez: El intruso (1904)

Wenn man Ibon Zubiaur glaubt, der einen spannenden Essay über das Baskenland geschrieben hat, dann entstammt der große Roman Bilbaos der Feder nicht etwa eines Basken sondern eines Valencianers: Am Beispiel des Industrie-Magnaten Pedro Sanchez Morueta und seiner Familie portraitiert Vicente Blasco Ibañez in seinem 1904 veröffentlichten Roman El Intruso („Der Eindringling“) lebendig den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der industriellen Unternehmerelite Bilbaos im ausgehenden 19. Jahrhundert.

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