Annette Kolb: „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“. Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller (2019)

Als „Spiegel der Seele“ wurde der Brief in der Antike bezeichnet. Und selbst im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit von Bild und Ton scheint der gute alte, wenn auch völlig aus der Zeit gefallene Brief immer noch ein Medium zu sein, das uns Menschen in einer Weise nahebringen kann, die an Authentizität kaum zu überbieten ist. Dies ist mir bislang noch nie so bewusst geworden wie bei der Lektüre von Annette Kolbs Briefen an Schriftstellerinnen und Schriftsteller.  Nirgends dürfte man dieser – heute nicht mehr allzu bekannten – Zeitgenössin und Freundin der Manns und Hermann Hesses, René Schickeles, Kurt Tucholskys, Carl Zuckmayers u.v.a. so nahe kommen wie in ihren Briefen, vermutlich nicht einmal in ihrem literarischen Werk selbst. Neben ihren bekanntesten Romanen,  Das Exemplar, Daphne Herbst und dem autobiographisch geprägten Die Schaukel, in dem sie rückblickend die Münchner Gesellschaft der Belle Epoque portraitiert, schrieb sie viele Feuilletonartikel zu musikalischen Themen und zur deutsch-französischen Verständigung.  

Annette Kolb wurde 1870 in München geboren als Tochter Max Kolbs, eines unehelichen Nachkommen der Wittelsbacher, und der Pariser Pianistin Sophie Danvin. Die deutsche (v.a. bayerische) und die französische Mentalität, die sie in sich vereinte und deren Pflege und Versöhnung sie sich Zeit ihres Lebens verschrieben hatte, ebenso wie die Zweisprachigkeit waren ihr also schon in die Wiege gelegt: Ein exklusives, wenn auch unbequemes Erbe in einer Zeit, in der das alte Bild vom Nachbarn als verhasstem Erbfeind sich beiderseits des Rheins nachhaltig verfestigte: Sowohl der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 als auch die beiden Weltkriege fielen in Annette Kolbs Lebenszeit.

Weltgewandt und verletzlich

Weltgewandt und selbstbewusst, doch zugleich auch nahbar, sensibel und verletzlich begegnet Annette Kolb uns in der Erstausgabe der Briefe, die ihre Großnichte Cornelia Michél und Albert Debrunner sorgfältig ausgewählt, transkribiert, zum Teil auch übersetzt und kommentiert haben. Sie konzentrieren sich auf 25 verschiedene Adressaten, allesamt Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die meisten davon Freunde Kolbs, die am Ende des Bandes in Kurzportraits vorgestellt werden. Die Briefe sind chronologisch geordnet und nach Epochen gruppiert.  Zur leichteren Orientierung ist den Kapiteln jeweils eine kurze Einführung in den biographischen Kontext vorangestellt. Die Kapitelüberschriften deuten bereits den großen Spannungsbogen an, der die Briefsammlung fast schon zu einem Roman macht: von der noch wenig überschatteten „Belle Epoque“ (bis 1914) über „Zwischen den Fronten“ (1914-1923), wo Kolb bereits als streitbare Pazifistin und Kriegskritikerin auftritt, bis hin zu den „glücklichen Jahren“ (1923-1933), in denen sie sich ein kleines Häuschen in Badenweiler kauft, ihr grünes Paradies mit Blick auf die Vogesen. Hier wird sie Nachbarin von René Schickele, einem elsässischen Schriftsteller, der die binationale Verbundenheit mit Frankreich und Deutschland mit ihr teilt und der bis zu seinem Tod 1940 wohl ihr bester Freund war. Obendrein wird sie dort auch noch den Führerschein machen. Ihre helle Begeisterung über den anstehenden Kauf eines Automobils bringt sie in einem witzigen Brief vom September 1932 an Theodora von der Mühll zum Ausdruck:

[…] und Dori auf Credit wird mir ein kleiner Opel angeboten, o Dori ich werd ihn kaufen und wenn ich damit in den Schuldenturm hinein chauffire. Gott helfe mir ich kann nicht anders. Ich fühle mich ganz als gefallenes Mädchen mit einem verfrühten Kind aber ich habe ja Zeit es zu legitimiren, ich bekomme es nicht von der Fabrik. Es umarmt Sie in Liebe

          Ihr Sportsmann. (S. 111)

„Armes Deutschland…“

Doch diese ausgelassenen Momente sind nur von kurzer Dauer. Seit Anfang der 30er Jahre drückt der sich machtvoll ausbreitende Nationalsozialismus zunehmend aufs Gemüt. Der Umstand, dass Schickele das Klima in Badenweiler zu bedrohlich wird und er deshalb nach Südfrankreich zieht, versetzt ihr einen schweren Schlag. Immer wieder findet man jetzt auch tief deprimierte Passagen von gleichwohl sentenzenhafter Schönheit: „Nein es ist kein Scherz, lebenslänglich nirgends ganz daheim zu sein.“ (S. 106) oder: „Manchmal läuft doch der ganze heutige Zustand auf ein nicht gerne sterben hinaus. Aber gern leben? Aus heller Verzweiflung möchte ich noch einen komischen Roman schreiben.“ (S. 103) – ein Zustand, dem sie sich jedoch immer wieder selbst entwindet, nicht zuletzt auch aus Wut über „H.“ und das „arme Deutschland“:

Pauvre Allemagne. Man muss es trotzdem sagen, aber René: seitdem ich – ein Mal und nicht wieder – diese gemeine, diese niederträchtige Stimme hörte, diesen Ton eines Domestiken, schäm ich mich für jeden viertelsgebildeten Deutschen, der ihr Gefolgschaft leistet. (S. 119)

Den dramatischen Höhepunkt der Sammlung bildet das Kapitel „Exil 1933-1945“. Es beginnt mit den Briefen aus der Zeit der Machtergreifung Hitlers, der nicht nur Jüdinnen und Juden sondern auch viele kritische deutsche Intellektuelle ins Exil zwang. Annette Kolb verbrachte die ersten sieben Jahre davon in Paris und hatte dort mit ihrer halbfranzösischen Abstammung und ihren perfekten Sprachkenntnissen natürlich gute Karten. 1936 erhielt sie die französische Staatsbürgerschaft, ein Privileg, das ihrer russischstämmigen, seit 1919 in Paris ansässigen Schriftstellerkollegin Irène Némirovsky nie gewährt wurde. Gleichwohl musste auch Annette Kolb nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 und mit Beginn der Kollaboration unter dem Vichy Regime – sie war damals bereits 70 Jahre alt – ganz allein die nervenaufreibende Flucht durch Spanien nach Lissabon und von dort aus über den Atlantik in die USA antreten. In einem ihrer ergreifendsten Briefe an Katia und Thomas Mann, die schon lange im amerikanischen Exil in Sicherheit waren, spricht sie am 6. August 1940 von einem „concours de circonstances“, einem Zusammentreffen günstiger Umstände: „Ich war durch Zufall nicht in Paris als es besetzt wurde und bin nicht mehr zurück. […] Wir sind Alle versprengt, keiner weiss vom anderen“ (S. 188). Was nun folgt ist ein Kampf ums Überleben, materiell wie auch intellektuell: um Bürgschaften, Visa, Hotelzimmer, Bahnkarten, das stets knappe Geld – und natürlich um ihre Literatur: Auch während der Flucht hält sie beharrlich Kontakt zu ihrem ebenfalls ins Exil gedrängten Verleger.

Eine kleine Verlagsgeschichte

Die vorliegende Briefsammlung ist im S. Fischer Verlag erschienen, womit die Herausgeber Kolbs Verlagstradition würdig fortschreiben. Dies kann man vielen der in diesem Band versammelten Briefe entnehmen, die dank der sorgfältigen Annotierung auch ein Stück lebendiger Verlagsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählen. Von Kolbs früher Zusammenarbeit mit Fischer, damals noch unter dem Gründer Samuel, über ihren ersten Kontakt mit dessen Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer, der die Verlagsleitung anfang der 30er Jahre übernimmt und während des Zweiten Weltkriegs das Schiff – teils auch in Kooperation mit Allert de Lange – durch die Wogen des Exils steuert (Österreich, Schweiz, Stockholm, USA) bis hin zur Aufspaltung in S. Fischer und Suhrkamp anfang der 50er Jahre, ziehen sich die meist temperamentvoll geführten Verhandlungen durchs ganze Buch und es ist umso erstaunlicher, dass sie auch während Kolbs Flucht nie abreißen. Mit Blick auf die Publikation ihrer im Entstehen begriffenen Schubert-Biographie schreibt sie am 31.4.1941 vom Hotel „Ritz“ in Barcelona aus:

Lieber Max Rychner

Ich sitze hier statt weiter zu können wie die anderen, bekam erst für den 7. Februar eine Karte für das Flugzeug für den Zug nichts vor dem 10. Da fliege ich lieber. Die Reise ist nicht schön und in diesem teuren Hotel glaubte ich nur eine Nacht zu bleiben. Da arbeite ich halt – in Stockholm wollen sie schon im März erscheinen, das gibt es natürlich nicht ich bin noch nicht fertig. Was Sie haben ist nicht der Schluss! Seite 241 bis 248 flehe ich Sie an mir zurück zu schicken nach Lissabon Poste Restante dann schick ich Ihnen Alles zusammen im Lauf des Februars. Der Nachtrag 241 bis 248 ist nämlich sehr schlecht, zu schnell geschrieben hab es neu gemacht gleichzeitig brauch ich es – o verwünschen Sie nicht Ihre einsame Spanierin, sie ist so melancholisch […]. (S. 193)

Dieser Brief ist ein schönes Beispiel für Annette Kolbs eigenwilligen Stil. Gegenüber ihr nahestehenden Briefpartnern formuliert sie frei von der Leber weg, oftmals ohne Punkt und Komma und zeigt sich orthographisch durchaus kreativ. Teils abrupte Gedankensprünge und hemmungslose Wechsel zwischen Deutsch (punktuell Bayerisch), Französisch und gelegentlich auch dem Englischen tragen nicht weniger zu dieser frappierenden Unmittelbarkeit bei. Es ist erfreulich, dass die Herausgeber hier nirgends korrigierend eingegriffen haben, denn dadurch wäre viel von der Authentizität der Briefe verloren gegangen. Die fremdsprachlichen Passagen wurden um behutsam in Klammern gesetzte, sehr gelungene deutsche Übersetzungen ergänzt.

Jenseits der Floskeln

Annette Kolb ist eine Briefschreiberin, die nie im Formelhaften erstarrt: „Lieber Alfred“, beginnt sie einen nicht näher datierten Brief aus dem Jahr 1909/10, „Ich schrieb Ihnen eben einen so saudummen Brief, dass es nicht zum aushalten war, und ich ihn wieder zerriß“ (S. 19). Zwanglos gibt sie sich nicht nur solch kapriziösen Registerwechseln hin, sondern sie zelebriert auch eine ganze Fülle von Anredevarianten, die von den etwas distanzierteren Formen wie „Verehrter Herr Gerhart Hauptmann“ oder „Lieber verehrter Thomas Mann“ über das schon etwas vertrautere „Lieber Kesten“, „Lieber Hermann Hesse“ oder das burschikos-joviale „Lieber Zuck!“ (Carl Zuckmayer) und „Lieber Tucho“ (Kurt Tucholsky), bis hin zum affektiv überschwänglichen „Cher ami“, „Bien chère Dory“ oder „Liebste Berta“ eine ganze Bandbreite an Nuancen abdecken. Je nach Stimmung variieren diese auch beim selben Adressaten. Gleiches gilt für ihre Briefschlüsse. Man muss hier bewusst im Plural formulieren, weil keiner dem anderen gleicht. Vielleicht ist es der alte, am französischen art de plaire geschulte Anspruch, sein Gegenüber niemals zu langweilen, der hier noch mitschwingt. Bei Kolb scheint dieser aber gepaart mit einem ihr ganz eigentümlichen, fast jugendlichen Überschwang, der oft genug auch ins Post-Scriptum überschwappt: „Schreibt doch endlich!“ heißt es da gelegentlich, oder „ich hoffe sehr Sie kommen bald“, „Dieu donne que nous nous revoyons en 1951!“, „un mot comment vous allez“, „Viendrez-vous à Paris cet hiver?“

All dies sind keine Floskeln. Annette Kolb ist zu sehr Deutsche, um den formalen Teil ihrer Briefe nicht ernst zu meinen. Damit berührt sie ihre Leser, denn sie offenbart sich hier als Frau inmitten einer Fülle von Freunden und Gleichgesinnten, die in dieser dunklen Zeit, in der jedes Sesshaftwerden unmöglich geworden ist, doch auch sehr einsam war. Allein die im vorliegenden Band versammelten Briefe sind von etwa 40 verschiedenen Orten aus adressiert – vorübergehende Wohnsitze, Hotels, Pensionen, Unterkünfte bei Freunden in Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz, Luxemburg, Spanien, Portugal und den USA.

Ein Mittel gegen Einsamkeit

Um ihre intellektuelle Freiheit zu wahren, hat Annette Kolb bewusst auf die Ehe verzichtet. Dies war der Preis, den ihre Zeit einer schreibenden, politisch engagierten Frau abverlangte. Dass ihr der Brief somit nicht zuletzt auch zu einem Antidot gegen die Einsamkeit wurde, davon zeugt diese Sammlung. So treu sie als Freundin ist und so großzügig und aufrichtig anerkennend sie dem Werk der Freunde immer wieder begegnet, so verletzlich zeigt sie sich doch auch, wenn sie sich einmal hintergangen fühlt, und spricht das auch offen an, wie in folgender kurzen Notiz vom 17. Mai 1948:

Lieber Thomas Mann

Gerade im Hinblick unserer langjährigen Freundschaft dürfte keine Unaufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Ihre Worte über meine Mutter haben mich verletzt. Meines Wissens kannten Sie sie nicht oder kaum, sie war jedenfalls ganz anders und ich hatte sie und ihren unsäglich schweren Tod in der Schaukel geschildert, Ich musste Ihnen dies sagen bevor ich Ihnen meinen Dank ausspreche für Ihren ergreifenden Brief und diesen Pfingstgruss an sie entsende

    Annette Kolb

Mit Thomas Mann, der sie und ihre Mutter im Doktor Faustus böse karikiert hatte, wird diese Kränkung zum Bruch führen. Doch Annette Kolb ist auch anspruchsvoll. Gerade im Fall von René Schickele, von dem sie viel Aufmerksamkeit einfordert, würde man sich gelegentlich einen Einblick in die gesamte Korrespondenz wünschen, also auch in die Antwort des Adressaten.

Mit „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“ zitiert der Titel nicht zufällig eine Äußerung Kolbs, die uns in verschiedenen Varianten vor allem im Kapitel „Die Rückkehr. 1945-1967“ begegnet. Nach einem unsteten Aufenthalt im New Yorker Exil, der von vielen Wohnungswechseln begleitet war, kehrt sie gleich nach Kriegsende wieder nach Europa zurück: „Je ne puis vous dire ma nostalgie de l’Europe! J’espère y aller en aout et finir ma vie à Paris“ [Ich vermag euch nicht meine Sehnsucht nach Europa in Worte zu fassen. Ich hoffe, im August dorthin zu fahren und mein Leben in Paris zu Ende zu führen], schreibt sie am 27. April 1945 an Elisabeth und Carl Jacob Burkhardt, den Großneffen des berühmten Historikers, damals sicherlich nicht ahnend, welch lange Lebenszeit noch vor ihr lag.

Zurück in Europa schlägt nun wieder ihre Stunde als deutsch-französische Mittlerin und ihr Schreiben findet große Anerkennung: 1950 wird Annette Kolb in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen und erhält in den folgenden Jahren verschiedene Kunst-und Literaturpreise, 1959 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik und 1966 – ein Jahr vor ihrem Tod – den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Von all dem jedoch kaum eine Spur in den Briefen, wo sie recht unprätenziös auftritt und immer wieder betont, wie schwer ihr das Schreiben fällt.

Bei aller Authentizität des geschriebenen Wortes mochte man am 3. Februar im Münchner Literaturhaus anlässlich der Buchpräsentation zum 150. Geburtstag Annette Kolbs doch nicht ganz auf die Einspielung einer originalen schwarz-weiß- Szene verzichten, in der sie mit viel Understatement von der Überwindung ihrer Flugangst erzählt. Das Ganze wirkt ein wenig inszeniert, doch zugleich auch bodenlos selbstironisch, zumal wenn man aus den Briefen erfährt, dass ein in letzter Minute ergatterter Flug mit einer viermotorigen Boeing Clipper von Lissabon nach New York im Jahr 1941 sie aus den Fängen des Nationalsozialismus rettete. Eins wird in dieser scheinbar harmlosen Sequenz jedenfalls schon klar: diese Frau weiß was sie will und sie hat dafür nie ein Blatt vor den Mund genommen.

DIESER BEITRAG IST TEIL DES GRABUNGSFELDS DRÔLE DE GUERRE


Cover Annette Kolb - Briefe

Annette Kolb: „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“. Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller

Herausgegeben von Cornelia Michél und Albert Debrunner / S. Fischer / 320 Seiten / ISBN: 978-3-10-397422-5

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