Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

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Der Eindringling

Vicente Blasco Ibañez: El intruso (1904)

Wenn man Ibon Zubiaur glaubt, der einen spannenden Essay über das Baskenland geschrieben hat, dann entstammt der große Roman Bilbaos der Feder nicht etwa eines Basken sondern eines Valencianers: Am Beispiel des Industrie-Magnaten Pedro Sanchez Morueta und seiner Familie portraitiert Vicente Blasco Ibañez in seinem 1904 veröffentlichten Roman El Intruso („Der Eindringling“) lebendig den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der industriellen Unternehmerelite Bilbaos im ausgehenden 19. Jahrhundert.

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Wie man Baske wird

Ibon Zubiaur: Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation (2015)

Wir sind seit vielen Jahren hier. Seit dem Mesolithikum, seit siebentausend Jahren besteht das baskische Volk; ebenfalls seit vielen Tausend Jahren spricht dieses Volk euskera, die älteste Sprache Europas.

Juan José Ibarretxe raunte diesen Satz bedeutungsschwanger im Jahr 2009, damals noch Ministerpräsident der Autonomen Region Baskenland. Ich frage mich, ob ich unter diesen Umständen überhaupt Baskin „werden“ könnte und was ich wohl tun müsste, um mich selbst als solche zu „erfinden“.

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Lustvolle Beliebigkeit vor der Apokalypse

1913: Bilder vor der Apokalypse, Ausstellung im Franz Marc Museum, Kochel am See, vom 13.10.2013 – 19.01.2014.

In ihrer Konzeption ist die Ausstellung in Kochel angelehnt an Florian Illies Bestseller 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (S. Fischer), in dem in lose-anekdotischer Folge Monat für Monat zentrale Ereignisse aus Politik, Gesellschaft und Geschichte, aber auch eines blühenden literarisch-künstlerischen Schaffens im Jahr vor Ausbruch des ersten Weltkriegs aneinandergereiht werden.

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Dem Zauberer aufs Dach gestiegen

2006 wurde das neue Thomas-Mann-Haus im Münchner Herzogpark eingeweiht. Ein Nachruf.

„Wir haben einen Blick auf die Poschi geworfen, wo viele Schutthaufen, viel Material herumliegt, wegen starker innerlicher Veränderung“, schrieb Hedwig Pringsheim 1937 an ihre Tochter Katja, die mit ihrer Familie nach einer überstürzten Flucht vor den Nationalsozialisten schon seit vier Jahren im Schweizer Exil lebte. Und nicht nur Katia tat sich zeit ihres Lebens schwer mit dieser „Münchner Barbarei“ – mit Enteignung und Ausbürgerung durch ein Regime, das ihrem Mann das kritische Denken verbieten wollte und den Glanz der jüdischstämmigen Familie Pringsheim, einem der gesellschaftlichen Zentren im München der ersten Jahrhunderthälfte, vernichtete.

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Aresti bewunderte die Arbeiter, die dort standen als wären sie zu Hause; gewöhnt an eine erstickende Temperatur bewegten sie sich wie Salamander zwischen Feuerströmen, dürr, geschwärzt wie Mumien, als hätte das Feuer ihre Muskeln absorbiert und ihnen nur noch Skelett und Haut übrig gelassen. Sie waren quasi nackt, mit weiten Lederschürzen über ihrem kupferfarbenen Körper, wie ägyptische Sklaven vertieft in einen mysteriösen Ritus. Die Hitze ließ sie ihre Glieder den sprühenden Funken des Eisens aussetzen, die in glühenden Partikeln umherstoben. Einige zeigten Narben von schrecklichen Verbrennungen. (meine Übers.)

Sie sollten ihm nicht mit dem verdorbenen und gottlosen Pöbel aus den Minen kommen, Leute aus allen Provinzen, Fremde, die wie Heuschrecken einfielen, die das Schlimmste, was es in Spanien gab, mit sich brachten und mit ihren Unarten die Reinheit des Landes verseuchten; ständig unzufrieden drohten sie mit Streiks, wünschten sich die Ausrottung der Reichen und verglichen ihr Elend mit dem Wohlergehen der Anderen, als gäbe es bis in den Himmel hinein keine Kategorien und Klassen. (meine Übers.)

Sie sahen sich gezwungen zu einem Leben im Harem; immer nur Frauen untereinander, die den Mann nur im Moment des Begehrens sahen und der schlaue Jesuit bot sich ihnen dar wie ein Heilmittel gegen ihre Traurigkeit, unterhielt sie in ihrer Langeweile mit einer sentimentalen und weibischen Frömmigkeit. Er war der wachhabende Eunuch, der wahre Herr, der nach seinem Gutdünken die Herde der christlichen Odalisken lenkte. So trat er aus dem Schatten, um sich des Willens der Menschen zu bemächtigen, die sich bewegten ohne den Antrieb ihrer Handlungen zu kennen. (meine Übers.)

Die Heiligen wurden aus ihren Kapellen geworfen und dann bis zum Fluss geschleift, mit Füßen getreten und bespuckt von der Menge, die an jenen bemalten und vergoldeten Holzkörpern das Blut rächen wollte, das von Menschen vergossen worden war. Ins Wasser mit den Heiligen! Und kopfüber stürzten die Jungfrauen und die Seligen in den Fluss und trieben, nachdem sie untergetaucht waren, mit der leichten Porosität alten Holzes dahin. (meine Übers.)

Sie würden herabsteigen von ihren Altären, so wie die heidnischen Gottheiten herabgestiegen waren, als ihre Stunde geschlagen hatte, obwohl diese schöner waren als sie. Sie würden in den Museen unter den Gottheiten vergangener Zeiten verbleiben, würden in ihrer Hässlichkeit aber nicht einmal die Bewunderung erlangen, die harmonische Nacktheit hervorruft: sie würden sich vermischen mit den grotesken Fetischen der primitiven Völker, und die Menschheit, bereits unfähig ihre Bestrebungen und Wünsche in plumpe Formen zu kleiden, würde in ihrem grenzenlosen Idealismus die beiden einzigen Gottheiten der neuen Religion verehren: Die Wissenschaft und die soziale Gerechtigkeit. (meine Übers.)