Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer (1966)

„Wissen Sie, wer Mercè Rodoreda war?“, fragte Gabriel García Márquez in der spanischen Tageszeitung El País, wo er 1983 ein hymnisches Lob auf die damals noch wenig bekannte Grande Dame der katalanischen Literatur sang. Bedauerlicherweise kann man diese Frage außerhalb Spaniens vermutlich heute noch stellen. Dabei könnte uns eine Beschäftigung mit der katalanischen Literatur die aktuelle Diskussion um eine politische Unabhängigkeit Kataloniens durchaus ein wenig näher bringen. Der Nobelpreisträger selbst beteuerte jedenfalls, Katalanisch gelernt zu haben, um Rodoredas berühmtestes Buch (Auf der Plaza del Diamant, 1962) im Original zu lesen, eines der angeblich besten Bücher, die je über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben wurden. Dem Mare-Verlag ist es jetzt zu verdanken, dass uns in einer bibliophilen Ausgabe auch ein weniger bekanntes Spätwerk Rodoredas zugänglich ist: Der Garten über dem Meer (Jardí vora el Mar, 1966).

Es ist ein Titel, der zurücktritt hinter Rodoredas Hauptwerken und der bislang nur am Rande diskutiert wurde. Ein Merkmal bleibt allerdings in keiner Besprechung unerwähnt: Es handle sich hier um die katalanische Variante des Großen Gatsby. Für mich immerhin eine Gelegenheit, mir auch Scott Fitzgeralds amerikanischen Klassiker noch einmal vorzunehmen, den ich vor 25 Jahren zum letzten Mal gelesen hatte.

Die Parallelen sind augenfällig: Die Handlung beider Romane ist in den wilden 20er bzw. den beginnenden 30er Jahren angesiedelt und spielt bei Fitzgerald auf Long Island, östlich von New York City, bei Rodoreda in der Sommerresidenz der adligen Bohigas an der katalanischen Mittelmeerküste. In beiden Romanen zieht der unglücklich verliebte Protagonist im Werben um eine Frau den Kürzeren gegenüber einem wohlhabenden, gesellschaftlich einflussreicheren Mann. Beide setzen deshalb alles daran, sich in Amerika zum Selfmademan hochzuarbeiten, um nach fünf Jahren wieder zurückzukehren. Mit welchem Ziel, ist allerdings gar nicht so leicht zu fassen. Um die Geliebte zurückzugewinnen? Um die Schmach wieder gut zu machen und gesellschaftliche Schranken und Konventionen zu durchbrechen (der „American Dream“)? Den Auskünften der Romanfiguren sollte man in dieser Frage nicht allzu blind vertrauen.

Beide zieht es bewusst wieder in die Nähe ihrer großen Liebe. Während der eine auf Long Island die Kopie eines normannischen Hôtel de Ville erwirbt, sorgt der Andere (Eugeni) dafür, dass sein reicher Schwiegervater am Küstensaum eines katalanischen Dorfes für sich und seine Frau eine moderne Luxusvilla in direkter Nachbarschaft zum alten Herrenhaus der Bohigas (Francesc und Rosamaria) errichten lässt. Diese Orte werden nun zur Projektionsfläche für das schillernde Treiben der Roaring Twenties: rauschende Partys, in denen viel Alkohol fließt, ausgelassen geprahlt und geflirtet wird und der eine oder andere Gast schon mal unfreiwillig im Swimmingool landet. Bei aller Selbstinszenierung gelingt es am Ende jedoch keinem der beiden, die Frau seiner Träume zurückzugewinnen.

So offenkundig die Bezugnahmen auf den Großen Gatsby auch sein mögen: Mercè Rodoreda macht aus diesem Stoff etwas ganz anderes, denn ihr Roman ist zutiefst in Katalonien und ihrem eigenen Erleben dieser Landschaft, ihrer Bewohner und ihrer Sprache verwurzelt und er hat viel mit Rodoredas bewegter Lebensgeschichte selbst zu tun. Dass es eine solche Literatur überhaupt gibt ist nicht selbstverständlich. Minderheitensprachen wie das Katalanische und seine Literatur waren im Laufe der Jahrhunderte einer wechselhaften Geschichte unterworfen. Diese Geschichte ist zu spannend, als dass man an dieser Stelle auf einen kleinen Exkurs verzichten sollte. Außerdem erscheint sie mir wichtig für ein Verständnis des Romans.

Katalanische Sprache und Identität

Die frühneuzeitlichen Nationalstaaten zeigten in der Regel wenig Toleranz gegenüber dem kulturellen und insbesondere dem sprachlichen Eigenleben ihrer Minderheiten. So fristeten das Galizische, das Baskische und das Katalanische das gesamte Siglo de Oro hindurch ein Schattendasein, dessen Ende sich erst mit den geschichtlichen Ereignissen des ausgehenden 19. Jahrhunderts abzeichnete.

Der Verlust der letzten Überseekolonie Puerto Rico im Jahr 1898 und der damit verbundene endgültige Zusammenbruch des Kolonialreichs hatte Spanien in eine tiefe Identitätskrise gestürzt und führte in der Folge zu einer quälenden Nabelschau unter spanischen Intellektuellen. Die neu aufgekommene Frage, was die spanische Kultur nun eigentlich ausmache, ließ sich nicht leicht beantworten. Wenn die Schriftsteller der Generation 98 geistige Neuorientierung in einer teils romantischen Rückbesinnung auf die christliche Religion, die spanische Sprache und die Literatur des goldenen Zeitalters suchten und vor allem Cervantes Don Quijote als identitätsstiftende Größe bemühten, so gab es mit Katalonien und dem Baskenland doch auch Kräfte, die jetzt die Stunde gekommen sahen, sich der nationalen Umarmung zu entwinden. In beiden Fällen – dem baskischen wie dem katalanischen – hatte das gewonnene regionale Selbstbewusstsein sicherlich mit einem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung infolge der Industrialisierung zu tun, andererseits aber auch mit dem Bewusstsein, autonomen Sprachgemeinschaften anzugehören. Gerade in Katalonien stand die Frage nach den Wurzeln und der eignen literarischen Tradition immer auch in Verbindung mit der Sprachfrage.

Erste Anstöße für die erneute Verwendung des Katalanischen in der Literatur (Renaixença), hatte es bereits in den 1860er Jahren im Bereich der Lyrik gegeben. Nach der Jahrhundertwende ging die Sprachfrage dann eine enge Verbindung mit dem politischen Katalanismus ein. 1906, im Geburtsjahr Mercè Rodoredas, kam es zum Ersten Internationalen Kongress für Katalanische Sprache. Ein Jahr später wurde das Institut d’Estudis Catalans gegründet, das in der Folge die wesentlichen Schritte zu einer orthografischen und grammatikalischen Normierung unternahm und dadurch die weitere Verbreitung und Vereinheitlichung des Katalanischen auch in der Region Valencia und auf den Balearen förderte.

Bis zu den 20er Jahren konnte sich die katalanische Literatur zwar emanzipieren, der Roman steckte allerdings noch in einer Krise. Die Erzähltechniken des 19. Jahrhunderts mussten überwunden und das Publikum überhaupt erst daran gewöhnt werden, katalanisch zu lesen. Dazu trugen Neuausgaben katalanischer Klassiker aus Mittelalter und Renaissance bei, vor allem aber Übersetzungen zeitgenössischer fremdsprachiger Autoren. Als Anfang der 30er Jahre Katalonien im Rahmen der zweiten Republik ein Autonomie-Statut erhielt und das Katalanische neben dem Spanischen zur offiziellen Sprache der Region erklärt wurde, hatte dies eine extrem stimulierende Wirkung auf die Literatur. In dieser Phase begann auch Mercè Rodoreda zu schreiben, zunächst Essays und Kurzgeschichten. 1938, also mitten im Spanischen Bürgerkrieg, erschien mit Aloma ihr erster Roman, mit dem sie, den Autoren der Generation 36 ebenbürtig (wenn auch in den offiziellen Darstellungen gerne übergangen), die katalanische Literatur entscheidend beeinflusste.

Der Sieg Francos und der Rückfall Spaniens in die Diktatur hatte ab den 40er Jahren wieder ein Verbot des Katalanischen zur Folge. Der Hass der Faschisten richtete sich vor allem gegen regionale Separatisten. Katalonien und das Baskenland standen besonders in der Schusslinie. Wie viele ihrer Landsleute musste auch Mercè Rodoreda vor den anrückenden Franco-Truppen fliehen, ging zunächst nach Frankreich ins Exil und ließ sich 1954 in Genf nieder. Lange war nichts mehr von ihr zu hören. Erst 20 Jahre später gelang es ihr, Heimatferne und sprachliche wie auch kulturelle Isolation schreibend zu überwinden. Ab 1958 erschienen wieder erste Erzählbände, 1962 Auf der Plaza del Diamant  und 1966 schließlich Der Garten über dem Meer.

Ein Anti-Gatsby

Schon ein Vergleich der Erzählperspektiven lässt die enorme Distanz zu Tage treten, die zwischen Scott Fitzgeralds Klassiker von 1925 und Mercè Rodoredas Roman steht: Ohne einem platten Biographismus das Wort zu reden, muss man zur Kenntnis nehmen, dass beide Autoren als Perspektivträger jeweils Figuren wählen, die inetwa ihrem eigenen Alter entsprechen. Während wir bei dem jungen Fitzgerald die glamouröse Welt der Roaring Twenties aus der Perspektive des 30-jährigen angehenden Börsenmaklers Nick Carraway erleben, besteht Rodoredas besonderer Kunstgriff in einer Verschiebung: Der Beobachter ist bei ihr kein junger, ein wenig versnobter gesellschaftlicher Insider mehr, sondern der alte Gärtner.

Seit er denken kann, bewohnt und bewirtschaftet der 58-jährige Witwer das Grundstück einer vornehmen Villa am Meer mit üppig-mediterraner Vegetation. Dabei sah er schon so manchen Besitzer kommen und gehen. Im Roman beobachtet er sechs Sommer lang das ausgelassene Treiben der Bohigas und ihrer Freunde – wohlwollend und mit lakonischem Schalk: ihre kindliche Suche nach immer neuen Zerstreuungen, ihre Langeweile und ihre unglücklichen Liebschaften. Er erlebt mit, wie der protzige Neubau Senyor Belloms die einst wilde Natur des Nachbargrundstücks zerstört und wird schließlich Zeuge der Ankunft Eugenis und der finalen Tragödie. Wenn am Ende fast alle weiterziehen ist er derjenige, der bleibt – tief verwurzelt im Erdreich seines Gartens.

Rodoredas Erzähler beschreibt, was er selbst gesehen und gehört hat (wobei er sich gelegentlich über Erinnerungslücken beklagt) und er berichtet mit der gebotenen Skepsis, was er von den anderen Hausangestellten erfährt. In dieser Hinsicht ist er ein Musterbeispiel für einen unzuverlässigen Erzähler. Und doch glaubt man ihm, denn er enthält sich weitgehend jeden moralischen Urteils und erfüllt damit genau das, was der junge Nick Carraway auf den einleitenden Seiten des Großen Gatsby so selbstbewusst für sich beansprucht ohne es dann einzulösen. Die etwas großspurige Sentenz „Reserving judgements is a matter of infinite hope“ wird von der Katalanin  mit stiller Eleganz entlarvt.

Mercè Rodoreda selbst meinte einmal, unter „gut schreiben“ verstehe sie, „die wesentlichen Dinge so einfach wie möglich zu sagen”. In Jardí vora el mar wird der Gärtner zum idealen Träger dieser für ihren Stil typischen Ökonomie, denn seine schnörkellosen Berichte sprechen ganz für sich. Seine erste Wahrnehmung der frisch eingetroffenen Neureichen in der Nachbarvilla ist bezeichnend:

Um sieben Uhr morgens hörte ich Geschrei. Die Tochter von Bellom ritt quer über die Wiese, ihr Vater schrie sich heiser, und der Schwiegersohn war im Schwimmbecken. Von Weitem wirkte er sehr mager, ein bisschen wie Senyoret Sebastià1Ein Freund der Bohigas, der auf einer seiner Abenteuerreisen nach Afrika von Eingeborenen auf der Elefantenjagt überrascht und umgebracht worden war.. Senyor Bellom trug kurze mandarinengelbe Hosen und ein Jackett mit Blumenmuster, völlig verrückt. Die Tochter stieg vom Pferd, ließ es herumlaufen und alles zertrampeln, und Guy musste kommen und es holen.

Rodoredas Kunst besteht darin, dass sie jeden wertenden Kommentar überflüssig macht, weil die Figuren sich durch ihr Handeln und Auftreten selbst charakterisieren. Die naive Treuherzigkeit der Beschreibungen sorgt oft genug für einen Schuss Komik, der das Tragische der leidenschaftlichen Verwicklungen überlagert.

Im Nachwort der Mare-Ausgabe bezeichnet Roger Willemsen Rodoredas Schreibstil als impressionistisch und trifft damit einen Leseeindruck, den ich auch selbst hatte: Die pralle Unmittelbarkeit des gesellschaftlichen Lebens, das sich in und um diese Villen abspielt und bei Fitzgerald ausgiebig zelebriert wird, erscheint hier häufig gedämpft und abgefedert, ja fast ironisch gefiltert, da es nicht aus der Innenperspektive, sondern als Produkt fremder Wahrnehmungen geschildert wird. Was man über die Protagonisten nicht oder nur am Rande erfährt, erscheint nicht selten indirekt gespiegelt in anderen Figuren. Die zunächst nur in Andeutungen greifbare Vermutung, dass Rosamaria in ihrer Ehe mit Francesc nicht glücklich ist, wird bestärkt durch die ausdrückliche Thematisierung der Eheprobleme zwischen Eulàlia und Sebastià, eines befreundeten Paars der Bohigas.

Die an das Vorbild geknüpfte Erwartungshaltung unterläuft Rodoreda an allen Ecken und Enden. Eugeni hat nichts vom Glanz und der geheimnisvollen Größe eines Jay Gatsby. Von der Atmosphäre beim ersten Zusammentreffen der beiden Paare erhält man nur eine abgeblendete Version:

Ich hörte, dass jemand sich auf der Terrasse angeregt unterhielt. Ich ging näher, aber nicht zu nah heran und tat, als wäre ich vollauf mit meinen Blumen beschäftigt. Es waren Senyor Bellom mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn, Feliu, Senyoreta Eulàlia, Senyoreta Maragda und die Herrschaften. Der ganze Trupp.

Punkt. Mehr erfährt man hierzu nicht. Dramatische Zuspitzungen auf Handlungsebene werden in diesem Buch sorgsam umgangen. Das mit Blick auf eine Aussprache geplante Treffen zwischen Eugeni und Rosamaria im Häuschen des Gärtners fällt aus. Vom spannungsvollen Tête à tête Gatsbys mit Daisy in Nicks Wohnung ist nichts mehr übriggeblieben. Statt dessen wirkt Eugeni in seiner kindlichen Begeisterung für die Arbeit des Gärtners als wäre er auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, einer Vergangenheit, die es für ihn so gar nie gegeben hat. Seine Leidenschaft für die Botanik („Heben Sie die Samen auf?“ sind die ersten seiner wenigen Worte im Roman) und die Zuneigung, die er gegenüber dem alten Gärtner und seinem einfachen, naturnahen Leben entwickelt, nehmen obsessive Züge an:

Eugeni war der einzige Mensch, der wusste, wo bei mir zu Hause alles war: die Bettlaken, die Servietten, die Teller, die Tassen, der alte Koffer mit Cecílias Sachen… Er kramte in allen meinen Schubladen, sah sich die Gabeln, die Löffel, den Holzlöffel an. Manchmal holte er ihn heraus, nur um mich zu ärgern, und schlug damit auf den Tisch.

In beiden Büchern wird man das Gefühl nicht los, dass das Begehren der beiden Protagonisten alle vordergründigen Ziele wie Reichtum, gesellschaftlichen Status, ja selbst erfülltes Liebesglück überschießt und dass Daisy Buchanan und Rosamaria Bohiga bloße Platzhalter für etwas anderes sind. Hier ist der Punkt erreicht, an dem es spannend wird, weil man dem auf der Spur zu sein glaubt, was die beiden Autoren eigentlich umtreibt, vielleicht ohne es klar benennen zu können. Bei Mercè Rodoreda hat dies sicher mit dem langjährigen Verlust der Heimat während ihres Exils zu tun. Sie selbst war leidenschaftliche Gärtnerin. Hat sie in Der Garten über dem Meer ihren persönlichen Mythos vom verlorenen Paradies verarbeitet? Das Buch entstand vier Jahre vor ihrer Rückkehr nach Girona, als der Franquismus seinen Geist bereits aushauchte.


Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

Deutsch von Kirsten Brandt / Mare Verlag 2015 / 240 Seiten / ISBN: 978-3866480339

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