Wolfgang Matz: Frankreich gegen Frankreich. Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie (2017)

Als sich Anfang 2013 die Sympathisanten der „Ehe für alle“ auf den Straßen von Paris mit den mobilisierten Massen der konservativen „Demo für alle“ konfrontiert sahen und diese Begegnungen sogar in Handgreiflichkeiten ausarteten, wurde wieder einmal sichtbar, wie tief die ideologischen Gräben sind, die die französische Gesellschaft spalten: Hier der Geist der Freiheit in der Tradition von 1789, dort die alteingesessene nationale, katholische Rechte. Es war ein fernes, aber nicht minder spürbares Nachbeben dessen, was in der französischen Revolution bereits Ende des 18. Jahrhunderts zum Ausbruch gekommen war und das Land bis heute prägt.

Warum es in den letzten 200 Jahren nahezu unmöglich war, diese beiden Pole zu versöhnen, erklärt Wolfgang Matz in seinem hervorragenden Essay. Vom ausgehenden 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, also über zwei Weltkriege und deren Vorläufe hinweg, spürt er dem gesellschaftlichen Klima in Frankreich im Spiegel seiner intellektuellen Debatten nach. Dabei setzt er sich mit Texten und teils auch mit Schriftstellern auseinander, die in Deutschland nur wenig bekannt sind.

Wendepunkt Dreyfus-Affäre

Der rasante Modernisierungsschub des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sorgte dafür, dass sich im städtischen Raum eine wohlhabende bürgerliche Mittelschicht herausbildete. Diese stand zwar den Privilegien und der Traditionsverbundenheit des alten Adels fern, profitierte dafür aber vom aufkommenden Kapitalismus und grenzte sich dadurch ihrerseits von den Verlierern des Fortschritts ab. Hinzu kam ab 1894 die berühmt gewordene Affäre um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der des Verrats von Militärgeheimnissen angeklagt worden war – zu unrecht, wie sich herausstellen sollte. Für Aufklärung  hatte neben anderen liberal gesinnten Dreyfusards auch der Schriftsteller Emile Zola mit seinem offenen Brief „J’accuse!“ gesorgt. Dennoch entwickelte sich die Dreyfus-Affäre zum kraftvollen Katalysator einer Spaltung, die künftig das gesamte politische Feld abstecken sollte: Hier die im 19. Jahrhundert längst schon antisemitisch grundierte, nationalkonservative, katholische Rechte der Action française, dort die kommunistische Internationale, die sich der sowjetischen Ideologie und damit einer ausländischen Macht mit Leib und Seele verbunden sah. Beide Extreme hatten eines gemeinsam: den Wunsch, mit der lauen Bürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts zu brechen.

Die großen Hoffnungen in eine reinigende, neu gestaltende Kraft des ersten Weltkriegs wurden bitter enttäuscht. Zum Verhängnis wurde Frankreich nun die Tatsache, dass die alten Fronten nach 1918 unverändert fortbestanden und die beiden Lager auch weiterhin kräftig an der Demontage ihres gemeinsamen Feindes in der politischen Mitte arbeiteten: Ab Mitte der 30er Jahre fand die schwache, von Skandalen erschütterte Volksfront-Regierung der Dritten Republik unter Leon Blum in den erbitterten inneren Grabenkämpfen kaum mehr Rückhalt, denn sie unterstützte nach wie vor das bürgerliche Juste Milieu der wirtschaftlichen Profiteure, die an der bestehenden Ordnung nichts ändern wollten. Das war der Rechten zu juden- und kapitalistenfreundlich, der Linken zu wenig sozialrevolutionär und kapitalismuskritisch. Schön arbeitet Matz den inneren Widerspruch des flexibel auslegbaren Feindbildes „Kapitalismus“ heraus, das die beiden extremen Lager durchaus hätte verbinden können, das jedoch ideologisch konträr ausgelegt wurde. Diese politische Instabilität im inneren wurde zu einer wesentlichen Voraussetzung dafür, dass Hitlers Armeen im Mai 1940 leichtes Spiel hatten und Frankreich in einem Handstreich besetzt war.

Die Schriftsteller waren in dieser Vorkriegsphase  politisch wie nie zuvor. Sie standen zwischen den Extremen und sahen sich in dieser gefährlichen Pattsituation gezwungen, eine für sie vertretbare Position zu finden. Matz versucht, diesem individuellen Ringen aus einer Perspektive gerecht zu werden, die von unserem späteren Wissen um den tatsächlichen Verlauf der Geschichte so weit wie möglich abstrahiert. Er stellt sich damit der Herausforderung einer Lektüre, die sich auf Augenhöhe mit ihren Protagonisten begibt und die das Tasten und die Unsicherheiten in Bezug auf die kommende Entwicklung mit nachvollzieht ohne ex post zu verurteilen. Überzeugend gelingt es ihm so, die besondere Dramatik vieler intellektueller Biographien dieser Zeit einzufangen.

Das linke Frankreich: Kampf gegen die faschistische Bedrohung

Dem linken Flügel nahe standen etwa André Gide, Louis Aragon und Simone Weil, deren zunächst leidenschaftliche Identifikation mit der Idee des Kommunismus in den 30er Jahren sehr unterschiedliche Entwicklungen nahm. Es sind vor allem drei Ereignisse, die die verbreitete Euphorie in linken Kreisen trübten und zu erheblichen Differenzen unter ihnen führten: der Spanische Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939, die in den 30er Jahren unter Schriftstellern populären Russlandreisen und schließlich der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939.

Was einen Großteil der Pariser linken Intellektuellen anfänglich verbindet, ist der Glaube, im Kommunismus den überzeugenden und einzig schlagkräftigen Verbündeten gegen die faschistische Bedrohung gefunden zu haben. Hinzu kam, dass in Russland nun endlich das, was lange Zeit als Utopie gegolten hatte, soziale Wirklichkeit zu werden schien. Viele linke Schriftsteller unternahmen deshalb in den 30er Jahren ausgedehnte Russlandreisen, um das sozialrevolutionäre Wunder vor Ort zu erleben. Die russische Regierung unter Stalin nutzte geschickt den Propagandafaktor ausländischer Prominenz und organisierte sorgfältig umrahmte Luxusreisen zu den Vorzeigeprojekten ihres gesellschaftlichen Experiments. Aus den ideologischen Kellern aber stieg längst schon der Leichengeruch empor: Wirtschaftliche Not in der Bevölkerung, Zensur von Schriftstellern, Schauprozesse gegen Systemkritiker bis hin zu deren Ermordung und ganz allgemein eine Atmosphäre von Willkür, Denunziation und Todesangst. Ab 1936 konnten die Schattenseiten der Inszenierung den Reisenden nicht mehr verborgen bleiben. Frappierend ist allerdings, wie unterschiedlich sie mit ihren Erfahrungen umgingen.

Louis Aragon und André Gide: Kommunismus am Limit

Besonders schlecht kommt hier Louis Aragon weg. Im Bewusstsein, dass mit der kommunistischen Idee auch die innere ideologische Front Frankreichs selbst auf dem Spiel stand, setzte er – wider besseres Wissen – alles daran, den russischen Terror zu verschleiern und das Idealbild der Sowjetunion als Referenzpunkt linker Politik zu retten. Matz attestiert ihm eine bornierte Linientreue, die bis hin zur Lüge und zur Verleumdung Unschuldiger ging und zum Bruch mit all den Gesinnungsgenossen führte, die aus ihren Erlebnissen andere Konsequenzen zogen als er, wie zum Beipiel André Gide.

Gide ist einer der Linken der ersten Stunde, aber im Denken zu frei, als dass er sich blind für ein ideologisches Programm hätte vereinnahmen lassen. Wegen seines literarischen Ruhms wird er von der russischen Führung hofiert und ist ihr als bekennender Hedonist und Homosexueller doch auch suspekt. Was er vor Ort sieht, behagt ihm nicht. Er bricht seine Reise vorzeitig ab und fasst seine Eindrücke in einem kritischen Buch zusammen (Retour de l’U.R.S.S.), das gleichwohl von einem maßvollen, zurückhaltenden Ton geprägt ist. Den Pariser linken Ideologen, denen es vor allem um den Erhalt ihres antifaschistischen Idealbildes geht, ist das allerdings schon zu viel. Sie reagieren mit  aggressiver Ablehnung. „Die Argumente sind immer die gleichen, so, wie sie es für Jahrhunderte bleiben werden: Kritik an der Sowjetunion stärke nur die Faschisten, man nutze den falschen Freunden, Stalin sei weltweit der Einzige, der die Kräfte des Fortschritts unterstützt.“ Dass der zaghafte Kritiker Gide sogleich als „Faschist“ enttarnt wird, zeigt, welch fatale Dynamik hier am Werk ist: Die Angst vor dem rechten Terrorregime treibt viele direkt in die Arme des linken. Und nicht wenige lassen sich im Kampf gegen den Faschismus von den Kommunisten als willige Helfershelfer einspannen.

Bemerkenswert findet Matz, dass – mit Ausnahme der jungen Simone Weil – kaum jemand aus dem linken Lager eine Reise in das zunehmend sich radikalisierende Nazideutschland unternahm. Simone Weil war es, die die Gefahr schon früh erkannte. Als sie 1932 – mit 23 Jahren – zwei Monate auf eigene Kosten in Berlin verbrachte, schien ihr die Machtübernahme der NSDAP bereits unvermeidlich.

Simone Weil: Denkerin in Kriegszeiten

Weil hatte ihr politisches und intellektuelles Engagement von einer klassisch linken Position aus begonnen. 1936 schloss sie sich im Spanischen Bürgerkrieg einer breiten Front von Interbrigadisten zur Unterstützung der bedrohten spanischen Republik an. Nachdem Hitler und Mussolini den Franco-Putschisten Unterstützung zugesagt hatten, war dieser Krieg für die kommunistische Internationale zu einer Nagelprobe ihrer länderübergreifenden Solidarität geworden: Insgesamt fast 60.000 freiwillige Kämpfer aus 50 verschiedenen Nationen stürzten sich in Nordspanien in einen Krieg, der auf beiden Seiten mit vergleichbarer Brutalität geführt wurde. Dass den Großmächten Deutschland und Sowjetunion die Ereignisse in Spanien lediglich als Probelauf für den bevorstehenden Krieg dienten, blieb vielen aktiv Engagierten nicht verborgen. Die Erkenntnis, in diesem Krieg für die Sache des Volkes nichts erreicht zu haben und nur für Großmachtinteressen missbraucht worden zu sein, lässt Simone Weil vom Kommunismus abrücken und bestärkt sie in ihrer grundsätzlich pazifistischen Einstellung. In ihrem großen Essay Ne recommençons pas la guerre de Troie liefert sie 1937 die theoretische Begründung für ihre Ablehnung aller Ideologien als hohle „-ismen“, mit denen kein Krieg je gerechtfertigt werden kann.

Doch dabei wird es nicht bleiben, denn auch Simone Weil gerät in das Dilemma, das fast alle Pazifisten in dieser Zeit trifft: die Tatsache, dass es unmöglich ist, in einer Krisensituation wie dem hereinbrechenden zweiten Weltkrieg nicht Partei zu ergreifen. Auch Jean Giono hätte sich nach den schrecklichen Erlebnissen des ersten Weltkriegs gerne ins provençalische Landleben zurückgezogen. Als Hitler jedoch im Mai 1940 in Frankreich einmarschierte und sich Marschall Pétain und das Vichy-Regime durchsetzten, traf Giono mit seiner Option für die Passivität und seiner literarischen Verherrlichung des bodenständigen Landlebens eine Entscheidung, die ihn wider Willen für den Rest seines Lebens als Kollaborateur branntmarkte. Während er „die Begrenztheit seiner Ideen“ (Matz) selbst nicht genug durchschaute, hat Simone Weil die fatalen Konsequenzen eines solchen Pazifismus scharfsinnig reflektiert. Mit ihrer genialen Interpretation von Homers Ilias – L’Iliade ou le poème de la force – entwirft sie „eine unerhörte Theorie der Macht in der menschlichen Gesellschaft, die Michel Foucault vorwegnimmt.“ Die Erkenntnis, dass die politische Entwicklung der 30er Jahre in Europa auf nur zwei Optionen hinausläuft, entweder Macht rücksichtslos gegen andere auszuspielen oder aber ihr Widerstand entgegenzusetzen, lässt Simone Weil mit Kriegsbeginn zu einer überzeugten Résistancekämpferin an der Seite Charles de Gaulles werden.

Das rechte Frankreich: Europäer, Antisemiten, Katholiken

Der Verlauf, den der zweite Weltkrieg nahm, und die Katastrophe, in die er mündete, verführen im Nachhinein leicht dazu, die Anhänger des rechten politischen Spektrums in Frankreich en bloc als Faschisten und Kollaborateure abzuurteilen. Genau dies ist unmittelbar nach dem Krieg auch geschehen und zwar, wie Matz aufzeigt, um den  Preis einer historischen Lüge, eines „Komplex[es] der Unaufrichtigkeit“, der sich bis zum heutigen Tag fortsetzt, nämlich der falschen Einschätzung des Kommunismus als eine Form des Humanismus – im Gegensatz zum bösen Faschismus. Dabei fand sich auch im rechten Lager eine ganze Bandbreite von individuellen Charakteren, die im Dilemma der radikalen Alternativen nach einer politischen Option suchten und sich dann am Ende auf der falschen Seite wiederfanden. Dass mit fortschreitender Entwicklung des Kriegsgeschehens so mancher Rechte seine Wahl dann auch ideologisch bis zum bitteren Ende durchzog, ist freilich nicht zu leugnen. Matz beschönigt oder entschuldigt hier nichts.

Drieu la Rochelle: Dandy auf Abwegen

Eine der schillerndsten Figuren der politischen Rechten in Frankreich war Pierre Drieu la Rochelle. Was ihn ausmachte war sein fast durchgängiges Ringen mit sich selbst und seiner politischen Positionsbestimmung. Fasziniert von den Extremen, die ihn beide anzogen, war er doch keiner, der sich bis zur Selbstaufgabe einer Ideologie verschrieben hätte – am Ende auch nicht der faschistischen, für die er sich dann entschied.

In jungen Jahren noch gut befreundet mit Louis Aragon und den Surrealisten um André Breton, kam es Mitte der 20er Jahre zum ideologischen Bruch. Während erstere sich dem Kommunismus zuwandten, entschied Drieu sich für eine dandyhafte Existenz, die es ihm ermöglichte, Bürger und Revolutionär zugleich zu sein. Als Dandy stand er einerseits zwar dem bürgerlich gehobenen Milieu nahe, das ihm verhasst war, seine kultivierte Exzentrik ermöglichte es ihm zugleich aber, sich von diesem gesellschaftlichen Durchschnitt abzuheben. Ästhetik und Politik gingen bei ihm eine ungewöhnliche Mischung ein.

Anschaulich zeigt Matz, mit welcher Weitsicht Drieu schon in den 30er Jahren erkannte, dass die politischen Herausforderungen der Zukunft nicht im Kampf zwischen den gesellschaftlichen Systemen von Kommunismus und Fachismus zu suchen waren, sondern in der Konfrontation der künftigen demographischen und wirtschaftlichen Großmächte Russland und USA. Hier liegt der Ursprung seiner frühen und modernen Überzeugung, dass nur ein geeintes Europa ein ernst zu nehmendes Gegengewicht zu dieser bilateralen Machtkonzentration bilden könnte. Auf der Suche nach einer starken politischen Kraft, die die Einigung Europas erfolgreich vorantreiben könnte, verfiel er nun ausgerechnet auf den in Deutschland erstarkenden Nationalsozialismus.

Zwei Reisen führten Drieu nach Deutschland und schlugen den Ästheten in ihren Bann: die erste 1934 zum nationalsozialistischen Kongress der deutschen und französischen Jugend, die zweite ein Jahr später zum Reichsparteitag der NSDAP nach Nürnberg, auf dem sich der Nationalsozialismus bereits als konsolidierte Macht präsentierte. Während in Frankreich Anfang 34 die skandalgebeutelte schwache Zentrumsregierung bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen kaum mehr verhindern kann und die Republik am Abgrund schwebt, scheint sich Für Drieu in Deutschland eine neue Gesellschaft zu formieren, die den fatalen Stillstand der letzten Jahrzehnte zu überwinden verspricht. Zwar entgehen ihm Hitlers imperialistische Revanchebestrebungen nicht und er sieht sie mit Misstrauen, doch die Aggressivität des deutschen Nationalismus scheint er zu unterschätzen, oder er blendet sie aus: Auf einer Führung in Dachau, das – damals nicht unüblich – der Inhaftierung politischer Gegner diente, wird ihm ein sauberes Konzentrationslager präsentiert. Drieu ist begeistert.

Trotz seiner Nähe zu den jüdischen Milieus von Paris – in erster Ehe hatte er eine eine Jüdin geheiratet, sein ältester Freund war Jude – infiziert sich Drieu zwischen 1934 und 1939 mit dem ‚Virus‘ und wird ideologisch wie auch politisch zum Anhänger antisemitischer Theorien. Sein Enthusiasmus für das nationalsozialistische Deutschland ist jedoch nicht von Dauer. Vollends Ernüchterung tritt bei ihm ein, als Hitler ernst macht und ab Juni 1940 große Teile Frankreichs besetzt. Zwar engagiert sich Drieu in der Kollaboration, indem er z.B. die unter Zensur gestellte Nouvelle Revue Française leitet, aber er ist hier nicht nur Opportunist. In der NRF publizieren auch linke Autoren und man ist allgemein dankbar, in ihm eine Mittlerfigur gefunden zu haben, die es doch irgendwie ermöglichte, unter der Besatzung noch zu veröffentlichen. Von Pétains Vichy-Regierung erwartet Drieu nichts mehr. Paradoxerweise tritt aber sein Antisemitismus umso stärker zu Tage, je klarer sich ab 1942 die nationalsozialistische Niederlage abzeichnet, sein Traum eines geeinten Europas zerplatzt und der Kriegseintritt der USA den Sieg des internationalen „plutokratischen“ Kapitalismus ankündigt. Spät wechselt er die Seite und bekennt sich zum Kommunismus, bevor er am 16. März 1945 Selbstmord begeht. Pierre Drieu la Rochelle ist wahrscheinlich diejenige Figur, die die französische Katastrophe am stärksten verkörpert: das Gefühl der politischen Auswegslosigkeit, des unentrinnbaren Dilemmas zwischen einem radikalen Entweder-Oder.

Louis Ferdinand Céline: Mit Gift und Galle

Heftige Kontroversen spielten sich Ende 2017 um Louis Ferdinand Célines Werk in Frankreich ab. Seitdem dessen Witwe die lange unter Verschluss gehaltenen antisemitischen Pamphlete wie Bagatelles pour un massacre (1937), L’école des cadavres (1938) und Les beaux draps (1941) überraschend zur Publikation freigegeben hat, plant das renommierte Verlagshaus Gallimard eine kritisch kommentierte Ausgabe. Gerade die symbolische Geste, die mit dieser Freigabe verbunden ist, spaltet nun aber heftig die Gemüter: die Befürworter erwarten sich von einer Begegnung mit diesen Texten die längst überfällige Entzauberung eines Autors, der viel zu lange im Nimbus des skandalumwitterten Genies gestanden hatte. Die anderen, unter ihnen der große Nachkriegs-Nazijäger Serge Klarsfeld, sehen in der Publikation ein rechtliches Problem und wollen nicht zulassen, dass diese extremen antisemitischen Hasschriften wieder jedermann öffentlich zugänglich sein sollen. Aus Rücksicht auf letztere hat der Verlag sein Publikationsprojekt nun vorläufig eingestellt.

Die ambivalente Reputation Célines hat viel mit seinem genialen Erstlingswerk zu tun: Voyage au bout de la nuit (1932) ist Teil der Moderne, die nach einer Antwort auf den ersten Weltkrieg sucht. Dieses Buch bringt eine radikale Zäsur in die literarische Tradition Frankreichs, denn Céline verbindet hier kruden sprachlichen Argot mit einem Beziehungsreichtum, der sein Werk in einen vielschichtigen Dialog mit der literarischen Tradition Frankreichs treten lässt. Inhaltlich ist es ein Werk, das zwar noch die Spuren der alten ideologischen Fronten in sich trägt, das aber selbst aus jeder parteilichen Logik herausfällt, weil der Krieg in ihm objektiv keinen Sinn mehr hat.

Als Pazifist schien Céline in den 20er und frühen 30er Jahren eher ein Mann der Linken. Die nationalkonservative bürgerliche Rechte war auch ihm verhasst. Entsprechend deutet in seinem Frühwerk noch kaum etwas auf die späteren antisemitischen Exzesse hin. Wie so viele seiner Schriftstellerkollegen unternahm auch er 1936 eine Russlandreise. Die literarische Bilanz, die er in Mea culpa zog, fiel im Gegensatz zur diplomatischen Kritik André Gides überdeutlich aus: Célines endgültige Abrechnung mit dem Kommunismus – zugleich eine Absage an alle gesellschaftlichen Utopien, auch die faschistische – festigte in ihm ein pessimistisches Menschenbild, für das er in der französischen Literatur reichlich Vorbilder fand. Ab diesem Zeitpunkt stellte er sich politisch gegen alles. Zugleich begann sich in seinen Überzeugungen ein reiner Rassismus Bahn zu brechen, der Züge einer monomanen Besessenheit annahm. Selbst den Chefideologen des Nationalsozialismus schien dieser Autor für eine Zusammenarbeit zu unberechenbar. Zu der dreiwöchigen Lustreise an den Rhein 1941, einer nationalsozialistischen Charmeoffensive gegenüber ausgewählten Autoren der französischen Kollaboration, war Céline nicht eingeladen.

Nicht überschätzen solle man Wolfgang Matz zufolge Louis Ferdinand Céline, denn sein Renommee verdanke sich vor allem dem Skandal. Die Frage, wie der größte moderne Romancier Frankreichs zu einem antisemitischen Faschisten werden konnte, ist deshalb weniger aufsehenerregend als man meinen könnte. Die Voyage sei zwar sprachgewaltig, „nichts aber lässt vermuten, hier sei ein besonders kluger, reflektierter, intellektueller Autor am Werk“. Célines Spätwerk der Nachkriegszeit wird vielmehr im Dienst einer weinerlichen, verlogenen Selbstrechtfertigung stehen.

George Bernanos: der Kreis schließt sich

Eine der komplexesten Figuren dieser Zeit, die in der Bilanz ihrer Entscheidungen fast immer auf der richtigen Seite stand, ist George Bernanos, von Haus aus der France profonde entstammend und Anhänger der nationalen, monarchischen und katholischen Seite. Im ideologischen Frontlinienverlauf der Nachkriegszeit zählt er deshalb bis heute zum Kreis der suspekten Autoren.

Als überzeugter Katholik stellt Bernanos sich 1936 gegen Franco, 1938 gegen die französische Kapitulation beim Münchner Abkommen, 1940 gegen den von Pétain und dem Vichy-Regime ausgehandelten Waffenstillstand mit Hitler. Schon 1938 war er nach Lateinamerika ausgewandert „unfähig, sich an ein totalitäres Europa zu gewöhnen“. In seinen im Mai 1938 erschienenen Grands Cimetières sous la lune  greift er wie selten ein Autor das eigene Lager frontal an, wendet sich gegen die spanischen Bischöfe, die Francos Blutbad ihren Segen erteilen und attakiert offen und weitsichtig denjenigen, der hinter diesen Auseinandersetzungen bereits die Fäden zieht: „Lieber Herr Hitler, die Art von Heroismus, die Sie in Ihren Schmieden schmieden lassen, ist von gutem Stahl, wir leugnen’s nicht. Doch es ist ein Heroismus ohne Ehre, denn er ist ohne Gerechtigkeit“.

Die Grands cimetières hatten in Frankreich eine starke Wirkung und sind ein seltenes Beispiel dafür, wie eine reflektierte, selbstkritische Rechte sich mit einer ebensolchen Linken verbinden kann: Die soeben aus dem spanischen Bürgerkrieg zurückgekehrte Simone Weil ist von Bernanos Werk so beeindruckt, dass sie ihm einen Brief schreibt, den er Zeit seines Lebens bei sich tragen wird:

Zunächst stellt sie sich dem katholischen Royalisten als linke Gewerkschafterin vor, die aus Sympathie mit den Republikanern nach Spanien gegangen ist: „Ich habe Spanien unfreiwillig verlassen und mit der Absicht zurückzukommen; dass ich es danach nicht tat, geschah freiwillig. Ich verspürte keine innere Notwendigkeit mehr, an einem Krieg teilzunehmen, der nicht mehr, wie es mir zu Anfang erschien, ein Krieg hungriger Bauern gegen die Grundbesitzer und einem mit den Grundbesitzern verbundenen Klerus war, sondern ein Krieg zwischen Russland, Deutschland und Italien.“ Und sie sieht sich in der Gewissheit bestärkt, dass keiner der ideologischen Gründe die Greuel, die sie  miterlebt hat wie er, erklären kann, geschweige rechtfertigen. „Sie sind Royalist, Schüler von Drumont – was kümmert mich das? Sie sind mir unvergleichlich viel näher als meine Kameraden bei den Milizen in Aragon – diese Kameraden, die ich trotz allem liebte.“

Bernanos antidemokratische Überzeugungen sind nicht grundsätzlich, sondern bezogen auf die politisch-historische Realität der Dritten Republik. Was er ablehnt – und auch darin würde ihm Simone Weil uneingeschränkt zustimmen – ist eine moderne kapitalistische Gesellschaft, die sich fundamental über die Herrschaft des Geldes definiert. Bernanos letzter Kampf nach der Atombombe auf Hiroshima wird der unkontrollierten Ausbreitung der modernen Technik als äußerster Konsequenz der kapitalistischen Zerstörungskraft gelten.

 

Dieser Beitrag ist teil des Grabungsfelds Drôle de guerre

Wolfgang Matz: Frankreich gegen Frankreich. Die Schrifsteller zwischen Literatur und Ideologie

Wallstein Verlag / 240 Seiten / ISBN: 978-3-8353-3078-8

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