Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

Kategorie: Roman

Katalanischer Gatsby

Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer (1966)

„Wissen Sie, wer Mercè Rodoreda war?“, fragte Gabriel García Márquez in der spanischen Tageszeitung El País, wo er 1983 ein hymnisches Lob auf die damals noch wenig bekannte Grande Dame der katalanischen Literatur sang. Bedauerlicherweise kann man diese Frage außerhalb Spaniens vermutlich heute noch stellen. Dabei könnte uns eine Beschäftigung mit der katalanischen Literatur die aktuelle Diskussion um eine politische Unabhängigkeit Kataloniens durchaus ein wenig näher bringen. Der Nobelpreisträger selbst beteuerte jedenfalls, Katalanisch gelernt zu haben, um Rodoredas berühmtestes Buch (Auf der Plaza del Diamant, 1962) im Original zu lesen, eines der angeblich besten Bücher, die je über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben wurden. Dem Mare-Verlag ist es jetzt zu verdanken, dass uns in einer bibliophilen Ausgabe auch ein weniger bekanntes Spätwerk Rodoredas zugänglich ist: Der Garten über dem Meer (Jardí vora el Mar, 1966).

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Trügerisches Idyll

August Strindberg: Das rote Zimmer (1879)

Nämdö ist eine mittelgroße Insel am westlichen Rand der schwedischen Schärengärten, etwa 50 km von Stockholm entfernt. Mit dem Postschiff der Waxholmsbolaget dauert die Anreise vom Festland aus etwa zwei Stunden. Dafür wird der Reisende dann auch belohnt, denn er findet dort alles was er sucht: Üppige Natur, ein paar einsam verstreute, rot getünchte Holzhäuschen, ein staatliches Spirituosengeschäft („Systembolaget“) und seine Ruhe.

Als wir im Sommer dort waren, hatte ich freilich nicht damit gerechnet, dass dieses gottverlassene Fleckchen Erde längst schon literarisch verewigt ist, und zwar in einem schwedischen Klassiker, den ich mir als Reiselektüre eingepackt hatte: August Strindbergs Röda Rummet (Das rote Zimmer, 1879). In einem der letzten Kapitel dieses Romans wird das unscheinbare Nämdö zur Projektionsfläche für Strindbergs frühe Kritik an einem industriellen Spekulantentum, das noch nicht einmal vor der unschuldigsten aller Sommerfrischen zurückschreckt.

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Schreiben zwischen den Geschlechtern

Anne Garréta: Sphinx

Können wir Intersubjektivität jenseits der Kategorien von männlich und weiblich denken? Ist es möglich, jenseits des binären Geschlechterverständnisses, das unser Leben bis in seine leisesten Manifestationen hinein dominiert, zu lieben und zu schreiben? Anne Garréta war nicht nur ihrer Zeit sondern auch unserer Gegenwart weit voraus, als sie diesen Versuch 1986 mit ihrem ersten Roman Sphinx wagte.

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Im Land der Schweigenden

Fernando Aramburu: Patria (2016)

Mit den Ereignissen des 8. April 2017 – der Auslieferung der letzten Waffen der ETA an die französische Justiz – endet offiziell die Ära des baskischen Terrorismus, der zwischen 1968 und 2010 in Spanien über 800 Gewaltopfer forderte, die meisten davon im Baskenland selbst. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass dieses Finale mit einem beispiellosen literarischen Erfolg einhergeht: Fernando Aramburus Roman Patria wurde seit dem 20. September 2016 über 270.000 Mal verkauft und erscheint im spanischen Verlag Tusquets ein gutes halbes Jahr später bereits in der 16. Auflage.

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Der Eindringling

Vicente Blasco Ibañez: El intruso (1904)

Wenn man Ibon Zubiaur glaubt, der einen spannenden Essay über das Baskenland geschrieben hat, dann entstammt der große Roman Bilbaos der Feder nicht etwa eines Basken sondern eines Valencianers: Am Beispiel des Industrie-Magnaten Pedro Sanchez Morueta und seiner Familie portraitiert Vicente Blasco Ibañez in seinem 1904 veröffentlichten Roman El Intruso („Der Eindringling“) lebendig den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der industriellen Unternehmerelite Bilbaos im ausgehenden 19. Jahrhundert.

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