Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

Kategorie: Essay

Werkzeugkasten aus Cuernavaca

Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik (1975)

Die Konditionierung des Menschen in der Megamaschine ist wirksam genug, den Sklavenhalter in Menschengestalt überflüssig zu machen.

I.

Als „Mahner von Cuernavaca“ hat Marion Dönhoff ihn bezeichnet und „Prophet“ nennt ihn sein Biograph Todd Hartch sogar, wobei nicht ganz klar ist, ob er damit eher auf die visionäre Gabe der biblischen Propheten anspielt oder auf deren Zorn über die Unzulänglichkeiten der Gegenwart und die Sprachgewalt, mit der sie diese anklagen. Vermutlich trifft auf Ivan Illich beides zu. Gerade die religiöse Konnotation mag auf ersten Blick verwundern, denn Illichs Hauptwerk aus den 70er Jahren ist eine radikal säkulare Kritik der gesellschaftlichen Institutionen und ihrer Verfallenheit an den Mythos vom Fortschritt, hervorgegangen aus einer Fülle von Gesprächen, die Illich in seinem Centro intercultural de documentación in Cuernavaca nahe bei Mexiko Stadt mit den kritischsten Köpfen seiner Zeit geführt hatte. Illich schreckt hier vor keiner Autorität zurück im Ringen um menschliche Selbstbestimmung. Werke wie Die Entschulung der Gesellschaft, Energie und Gerechtigkeit oder Die Nemesis der Medizin haben ihn zu einem der interessantesten Wegbereiter der aktuellen wachstumskritischen Bewegungen gemacht. Mit Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik (1975), hat er denjenigen, deren Anliegen es ist, Gesellschaft anders zu denken, ein Werkzeug hinterlassen.

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Die Freiheit, frei zu sein

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein (~1967/2018)

Hannah Arendt: Über die Revolution (1965)

„Die Freiheit, frei zu sein“ – dieser schmale, nur 35 Seiten lange Essay ist wahrscheinlich eine der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen in der Sphäre des aktuellen Mai-68-Jubiläums. Und doch überrascht es, dass dieser Bezug weder vom Verlag noch im Nachwort von Thomas Meyer hergestellt wird, obwohl er sich fast schon aufdrängt: Es handelt sich um einen Vortrag, der erstmals aus dem Nachlass von Hannah Arendt veröffentlicht wurde, wahrscheinlich 1967 entstanden ist und im selben Jahr an der Universität von Chicago gehalten wurde.

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Frankreich gegen Frankreich

Wolfgang Matz: Frankreich gegen Frankreich. Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie (2017)

Als sich Anfang 2013 die Sympathisanten der „Ehe für alle“ auf den Straßen von Paris mit den mobilisierten Massen der konservativen „Demo für alle“ konfrontiert sahen und diese Begegnungen sogar in Handgreiflichkeiten ausarteten, wurde wieder einmal sichtbar, wie tief die ideologischen Gräben sind, die die französische Gesellschaft spalten: Hier der Geist der Freiheit in der Tradition von 1789, dort die alteingesessene nationale, katholische Rechte. Es war ein fernes, aber nicht minder spürbares Nachbeben dessen, was in der französischen Revolution bereits Ende des 18. Jahrhunderts zum Ausbruch gekommen war und das Land bis heute prägt.

Warum es in den letzten 200 Jahren nahezu unmöglich war, diese beiden Pole zu versöhnen, erklärt Wolfgang Matz in seinem hervorragenden Essay. Vom ausgehenden 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, also über zwei Weltkriege und deren Vorläufe hinweg, spürt er dem gesellschaftlichen Klima in Frankreich im Spiegel seiner intellektuellen Debatten nach. Dabei setzt er sich mit Texten und teils auch mit Schriftstellern auseinander, die in Deutschland nur wenig bekannt sind.

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Wenn Schüsse widerhallen

Edurne Portela: El eco de los disparos. Cultura y memoria de la violencia (2016)

Seit Mitte September erhitzt eine provokante Netflix-Werbeaktion die baskischen Gemüter. Mitten in der Altstadt von San Sebastian zeigt ein gigantisches Plakat auf schwarzem Hintergrund den Schriftzug „Yo soooy españooool, españoool, españoooool.“ („Ich bin Spanier, ….“). Die „Spanier“ sind allerdings mit blutroter Farbe durchgestrichen. Gegenstand der umstrittenen Werbung ist die am 12. Oktober angelaufene Netflixserie Fe de etarras1, eine Komödie, die im Jahr 2010 spielt und den nationalen Freudentaumel über den spanischen Fußball WM-Sieg überblendet mit der Darstellung eines Häufchens letzter ETA-Terroristen in der Warteschleife vor dem Befehl zum Losschlagen.

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Frankreich reloaded

Nils Minkmar: Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land (2017)

Gerade rechtzeitig zur Buchmesse scheint sich Frankreich – diesmal Ehrengast – wieder ein wenig erholt zu haben. Nach schwierigen Jahren für die französische Wirtschaft mit steigenden Arbeitslosenzahlen, islamistischem Terror, einem bedrohlichen gesellschaftlichen Rechtsruck und unverkennbaren Dekadenzsymptomen der politischen Klasse hofft nun auch Nils Minkmar – Kulturjournalist mit deutsch-französischem Pass – auf Besserung und freut sich im Epilog seines neuen Buches über den mit Emmanuel Macron aufkommenden Rückenwind für Europa.

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Wie man Baske wird

Ibon Zubiaur: Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation (2015)

Wir sind seit vielen Jahren hier. Seit dem Mesolithikum, seit siebentausend Jahren besteht das baskische Volk; ebenfalls seit vielen Tausend Jahren spricht dieses Volk euskera, die älteste Sprache Europas.

Juan José Ibarretxe raunte diesen Satz bedeutungsschwanger im Jahr 2009, damals noch Ministerpräsident der Autonomen Region Baskenland. Ich frage mich, ob ich unter diesen Umständen überhaupt Baskin „werden“ könnte und was ich wohl tun müsste, um mich selbst als solche zu „erfinden“.

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