Bouvard & Pécuchet

Archäologien des Lesens

Kategorie: Essay

Wenn Schüsse widerhallen

Edurne Portela: El eco de los disparos. Cultura y memoria de la violencia

Seit Mitte September erhitzt eine provokante Netflix-Werbeaktion die baskischen Gemüter. Mitten in der Altstadt von San Sebastian zeigt ein gigantisches Plakat auf schwarzem Hintergrund den Schriftzug „Yo soooy españooool, españoool, españoooool.“ („Ich bin Spanier, ….“). Die „Spanier“ sind allerdings mit blutroter Farbe durchgestrichen. Gegenstand der umstrittenen Werbung ist die am 12. Oktober angelaufene Netflixserie Fe de etarras1, eine Komödie, die im Jahr 2010 spielt und den nationalen Freudentaumel über den spanischen Fußball WM-Sieg überblendet mit der Darstellung eines Häufchens letzter ETA-Terroristen in der Warteschleife vor dem Befehl zum Losschlagen.

Nationalismus wird gegen fanatischen Separatismus ausgespielt, wenn den fußballbegeisterten Terroristen in der Serie allerlei peinliche Selbstwidersprüchlichkeiten unterlaufen. Das Publikum konnte das im September allerdings noch nicht wissen und so war man im Baskenland eher gekränkt ob der mangelnden Sensibilität des Netflix-Konzerns: Immerhin hatten die mörderischen Umtriebe der ETA in 40 Jahren mehr als 800 Opfer gefordert, die meisten davon im Baskenland selbst. Es verwundert also nicht, wenn vielen bei diesem Stichwort das Lachen noch immer im Halse stecken bleibt. Bis heute haben Terror, Heldenkult und Mitläufertum die Gesellschaft tief gespalten. Das Thema Aufarbeitung scheint nur zögerlich in Gang zu kommen. Symptomatisch hierfür sind öffentliche Kontroversen, die nicht selten im Zusammenhang mit der Rezeption von Kunst und Kultur stehen. Die Aufregung um Fe de etarras ist hier kein Einzelfall.

Über die Auseinandersetzung der Kunst mit den Gewalterfahrungen der jüngeren baskischen Geschichte hat Edurne Portela 2016 einen bemerkenswerten Essay veröffentlicht. In El eco de los disparos („Der Widerhall der Schüsse“) untersucht sie ausgewählte Werke der zeitgenössischen baskischen Literatur, aber auch Filme, Musik und Fotografie sowie deren Rezeption auf ihren Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung. Zugleich weist sie der Kunst eine klare Funktion zu: Auf der Basis von Spinozas Begriff der „ethischen Imagination“ spürt sie in sorgfältigen Einzelanalysen dem nach, was ein literarisches oder filmisches Werk unbequem macht, weil es die Wirklichkeit differenziert genug ausleuchtet, um den Rezipienten mit sich selbst zu konfrontieren und seine zementierten Denkmuster aufzubrechen.

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Frankreich reloaded

Nils Minkmar: Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land

Gerade rechtzeitig zur Buchmesse scheint sich Frankreich – diesmal Ehrengast – wieder ein wenig erholt zu haben. Nach schwierigen Jahren für die französische Wirtschaft mit steigenden Arbeitslosenzahlen, islamistischem Terror, einem bedrohlichen gesellschaftlichen Rechtsruck und unverkennbaren Dekadenzsymptomen der politischen Klasse hofft nun auch Nils Minkmar – Kulturjournalist mit deutsch-französischem Pass – auf Besserung und freut sich im Epilog seines neuen Buches über den mit Emmanuel Macron aufkommenden Rückenwind für Europa.

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Wie man Baske wird

Ibon Zubiaur: Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation (2015)

Wir sind seit vielen Jahren hier. Seit dem Mesolithikum, seit siebentausend Jahren besteht das baskische Volk; ebenfalls seit vielen Tausend Jahren spricht dieses Volk euskera, die älteste Sprache Europas.

Juan José Ibarretxe raunte diesen Satz bedeutungsschwanger im Jahr 2009, damals noch Ministerpräsident der Autonomen Region Baskenland. Ich frage mich, ob ich unter diesen Umständen überhaupt Baskin „werden“ könnte und was ich wohl tun müsste, um mich selbst als solche zu „erfinden“.

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