Georg W. Bertram: Kunst. Eine philosophische Einführung

Von Picassos Frauenportraits haben manche noch heute die Kraft, eine Soiree zu sprengen. In Jasmina Rezas Drama Art geht eine langjährige Freundschaft am Streit über den kostspieligen Erwerb eines zeitgenössischen „weißen Bildes mit Steifen“ in die Brüche. Und das legendäre Literarische Quartett (ZDF) wurde um die Jahrtausendwende vom deutschen ‚Literaturpapst‘ Marcel Reich Ranicki und der österreichischen Kritikerin Sigrid Löffler selbst an die Wand gefahren – aufgrund unüberbrückbarer Differenzen im ästhetischen Urteil über Haruki Murakamis Gefährliche Geliebte.

Dass Kunst umstritten ist, mache sie geradezu aus – so die These von Georg W. Bertram, Professor für Ästhetik und theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin. An dieser Erkenntnis ist zunächst nichts Ungewöhnliches, denn dass Geschmäcker verschieden sind und das Urteil über Kunst oft relativ, ahnen wir schon lange. Aber verhalten wir uns auch so? Die Hitzigkeit mit der in verschiedensten Kontexten immer wieder über Kunst gestritten wird, lässt auf wenig Gelassenheit in dieser Frage schließen. Bertram zufolge liegt das vor allem daran, dass Kunstwerke unser Selbstverständnis herausfordern und deshalb immer auch mit der Frage zu tun haben, wer wir sind und wer wir sein wollen. Qualitätsaussagen und Geschmacksurteile über Kunstwerke werden also gerade auch mit Blick auf ihr Potential getroffen, ein Licht auf unser individuelles Selbstverständnis zu werfen, uns darin zu bestätigen oder es in Frage zu stellen.

Es überrascht also nicht, wenn Bertram sowohl der professionellen Kunstkritik wie auch dem Laienurteil in ästhetischen Fragen eine ungewöhnlich hohe Bedeutung beimisst („keine Kunst ohne Kritik“). Innerhalb seiner Zunft scheint er sich damit aber eher als Außenseiter zu positionieren und sich zu dieser Auffassung auch erst im Laufe der Jahre durchgerungen zu haben, denn beim letzten Kapitel „Geschmacksurteil und Kunstkritik“ handelt es sich um eine nachträgliche, erst in der überarbeiteten Neuauflage vorgenommene Erweiterung seines sehr lesenswerten Reclam-Bändchens Kunst. Eine philosophische Einführung (2016). Man staunt ein wenig, dass er diese Öffnung der Perspektive auf enthierarchisierte Rezeptionsformen erst zehn Jahre nach Erscheinen des Buches (2005) vornimmt, zu einem Zeitpunkt also, an dem die philosophischen Praktiken von Postmoderne und Dekonstruktion, denen er damit theoretisch verpflichtet ist, fast schon wieder aus der Mode gekommen sind. Doch Entwicklungen in der Geschichte des Denkens sind meist keine Frage von Moden, sondern zeichnen sich oft durch ein besonderes Trägheitsmoment aus.

Jahrhundertelang war philosophisches Nachdenken über das Schöne vom Traum beseelt, objektive Begründungen für Geschmacksurteile zu finden. Mir scheint allerdings, dass dafür nicht nur die Philosophen selbst verantwortlich sind, sondern auch diejenigen, die Kunst rezipieren. Auch mich lässt die Begegnung mit Kunstwerken oft ein wenig unbefriedigt zurück, weil ich meine, immer noch mehr wissen zu müssen, um sie wirklich schätzen zu können – über den Künstler oder die Künstlerin, die Gattungstradition, die Entstehungsvoraussetzungen, den historischen Kontext. Dabei stellen sich dann auch grundsätzliche Fragen, wie: Gibt es die absolute Interpretation eines Kunstwerks oder ein sicheres Geschmacksurteil? Wer kann es fällen? Sind Museen der richtige Ort, um ästhetische Erfahrungen zu machen? Was ist überhaupt eine „ästhetische Erfahrung“? Wie verhalten sich Kunst und Gesellschaft zueinander? Wie entstehen Klassiker und was macht sie aus?

Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Fragen. Wenn das möglich wäre, hätten sich Denker nicht jahrhundertelang über Probleme, die die Kunst aufwirft, den Kopf zerbrochen. Eine Einführung in die Philosophie der Kunst ist also notwendig an die Auseinandersetzung mit verschiedenen Entwicklungsstadien und Positionen dieses Denkens gebunden. Bertram erzählt nicht nur die Geschichte der wichtigsten kunsttheoretischen Denkansätze, sondern er bringt sie in einen Dialog miteinander, arbeitet ihre spezifischen Schwachstellen heraus und versucht so, ihren verbindlichen Kern zu extrahieren. Erweist sich eine Fragestellung als unzulänglich, wird sie modifiziert und die Perspektive neu ausgerichtet.

Im Kapitel „Zeichen oder Erfahrung“ bringt Bertram zum Beispiel die beiden antagonistischen Auffassungen von Kunst als „Repräsentationismus“ und Kunst als „Expressivismus“ ins Gespräch. Erstere hatte bereits in der bekannten Platonisch-Aristotelischen Theorie der Mimesis ihren ältesten Ausdruck gefunden. Dieser Theorie zufolge ist Kunst Nachahmung der Wirklichkeit. Ihre Qualität bemisst sich an der Naturtreue der Darstellung, so dass sie sich im besten Fall selbst zum Verschwinden bringt. Mit Entstehen der neuzeitlichen Subjektivität und der Vorstellung vom Künstler als kreatives Genie wurde dieser Auffassung dann ein Konzept entgegengesetzt, das den Ausdruck subjektiver Innerlichkeit in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt und das im 19. Jahrhundert weitere Vertiefung fand: Gefühle und Empfindungen des Künstlers werden hier maßgebend für die Inhaltsbestimmung des Kunstwerks.

Entscheidend ist nun die Erkenntnis, dass dieser Antagonismus von Darstellung und Ausdruck nicht leistet, was er verspricht, weil diese beiden Pole gar nicht klar zu trennen sind: Jeder subjektive Gefühlsausdruck speist sich immer aus der Außenwelt, auf die er notwendig bezogen bleibt. Und jede künstlerische Repräsentation trägt immer auch schon eine subjektive Färbung in sich. Da die Frage nach dem Gegenstand offensichtlich unzureichend ist, um den Prozess der ästhetischen Selbstverständigung in der Kunst zu erhellen, diagnostiziert Bertram nun eine Verschiebung der philosophischen Debatte auf eine neue Fragestellung: Ist das Kunstwerk ein Zeichen oder vermittelt es eine besondere ästhetische Erfahrung? usw. usf.

Im ersten Kapitel werden die Weichen gestellt und herausgearbeitet, wie überhaupt angemessen nach der Kunst gefragt werden kann. In den Kapiteln zwei bis sechs werden zentrale Thesen zur Ästhetik von Kant, Heidegger, Hegel, Adorno, aber auch weniger bekannter Theoretiker wie Noël Carrol, Christoph Menke oder Nelson Goodman dialogisch entwickelt. Die Grobgliederung orientiert sich an folgenden Problemfeldern: der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Künsten (Kap. 2) der Frage nach dem Potential von Kunst als Medium menschlicher Selbstverständigung (Kap. 3), dem Verhältnis von Kunst als Zeichen und Kunst als Erfahrung (Kap. 4, s.o.), der Frage, wie Verstehen in der Kunst zustande kommt und wo seine Grenzen liegen (Kap. 5) sowie dem Verhältnis von Materialität und Prozessualität in der Kunst (Kap. 6). Das Buch rundet die Zweitauflage mit einem ausführlichen Kapitel über Geschmacksurteil und Kunstkritik ab.

Der Autor nimmt seine Leserinnen und Leser immer mit, indem er Wegmarken setzt: den aktuellen Stand der Frage resümiert, Bezüge zu schon Diskutiertem aufzeigt und Neuausrichtungen in der Fragestellung präzise formuliert. Das Buch verdient im positiven Sinn den Titel „Einführung“, weil es didaktisch herausragt. Qualität in der Lehre zeichnet sich für mich immer schon durch die besondere Fähigkeit Lehrender aus, komplexe Sachverhalte variantenreich zu paraphrasieren. Auch im vorliegenden Text liest man ein und denselben Gedanken oft mehrfach, aber immer wieder neu formuliert und anders ausgedrückt und kann dadurch langsam in ihn hineinwachsen.

Konkrete Beispiele sind überwiegend aus der Musik und der bildenden Kunst bezogen. Aber auch Literatur ist vertreten. Bertram konzentriert sich – soweit möglich und sinnvoll – bewusst auf bekannte Werke. Und auch wenn man schon vieles kennt, weckt das Buch Lust, den philosophischen Gedanken am Objekt zu erproben, es nachzuschlagen, nachzuhören oder nachzulesen.

Der Autor verwendet übrigens konsequent das generische Feminin wenn es um Kunstrezeption geht. Wir stoßen in dem Buch also ausschließlich auf „Betrachterinnen“, „Hörerinnen“, „Leserinnen“. Doch gerade wenn er damit die in diesem Bereich tatsächlich bestehenden Mehrheitsverhältnisse in der Geschlechterverteilung abbildet, lässt dies den jahrhundertealten Totalausschluss der Frauen aus dem Geschäft des Philosophierens und des künstlerischen Ausdrucks nur umso stärker hervortreten, denn alle in diesem Buch thematisierten Denker und Künstler sind männlich.

Ich möchte deshalb der Denkerin und großen Kunstkennerin Susan Sontag das letzte Wort überlassen. Niemand versteht es besser als sie, einen heißgelaufenen Intellekt wieder abzukühlen. Schon 1964 hatte sie in ihrem vielbeachteten Aufsatz Against interpretation, dem allzu dringlichen Wunsch, Kunst verstehen und deuten zu wollen, eine klare Absage erteilt:

Like the fumes of the automobile and of heavy industry which befoul the urban atmosphere, the effusion of interpretations of art today poisons our sensibilities. In a culture whose already classical dilemma is the hypertrophy of the intellect at the expense of energy and sensual capability, interpretation is the revenge of the intellect upon art.

[…].

Instead of a hermeneutics we need an erotics of art.

(Susan Sontag: “Against interpretation”, 1964)


Georg W. Bertram: Kunst. Eine philosophische Einführung

Reclam / 2. durchgesehene und erweiterte Auflage 2016 / 349 Seiten / ISBN: 978-3-15-019413-3

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